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Emina

Ein stiller, melancholischer Roman über Nähe, Grenzen und die Fragilität menschlicher Gefühle.

Einführung lesen

Ein Journalist aus Krefeld begegnet zufällig einer jungen Frau namens Emina – eine Begegnung, die sich langsam in sein Leben einschreibt. Zwischen Gesprächen über Literatur, Herkunft und Zukunft entwickelt sich eine tiefe, zugleich widersprüchliche Nähe. Was als vorsichtige Freundschaft beginnt, wächst zu einer Beziehung voller Zuneigung, Unsicherheit und moralischer Spannungen. Doch das Leben ist unberechenbar – und als das Schicksal eingreift, bleibt nur Stille.

Emina ist eine Erzählung über das Zögern und Verlangen, über kulturelle Unterschiede, über die leisen Momente, in denen sich Leben und Verlust begegnen.

Der Zettel

Ich lebe allein in meiner Eigentumswohnung in Krefeld-Mitte. Eine ruhige Seitenstraße, alte Häuser mit Sandsteinfassaden, ein paar Bäume, die im Sommer kaum Schatten, aber immerhin etwas Leben spenden. Meine Wohnung liegt im dritten Stock, hoch genug, um den Straßenlärm nur gedämpft zu hören. Wenn ich abends das Fenster kippe, dringen die gedämpften Geräusche der Stadt herauf – das Rauschen von Autos, vereinzeltes Gelächter, manchmal Musik aus einem offenen Fenster. Es ist kein aufregendes Leben, aber ein geordnetes.

Ich arbeite als Journalist. Mein Büro liegt nur ein paar Straßen weiter, in einem alten Backsteingebäude, das früher einmal eine Druckerei war. Heute sitzen dort kleine Firmen, Agenturen, Freiberufler. Ich mag das Geräusch der knarrenden Stufen im Treppenhaus, das Quietschen der alten Fensterrahmen, wenn der Wind durchzieht. Wenn ich früh am Morgen dort bin, riecht es noch nach Staub und kaltem Kaffee vom Vortag. Dann öffne ich die Fenster, atme kurz durch und setze mich an den Schreibtisch.

Ich schreibe über Lokalpolitik, soziale Themen, manchmal auch über Menschen, die kaum jemand bemerkt. Das sind mir die liebsten Geschichten – die leisen, die irgendwo zwischen den Schlagzeilen verloren gehen. Vielleicht, denke ich manchmal, schreibe ich auch über mich selbst, nur in anderer Form.

An einem dieser unspektakulären Vormittage fahre ich nach der Arbeit zu Lidl. Ich könnte zu Fuß gehen, aber ich nehme das Auto – Bequemlichkeit, vielleicht auch Gewohnheit. Es ist einer dieser Tage, an denen nichts Besonderes passiert und man es kaum bemerkt. Ich parke direkt neben dem Eingang, gehe hinein, nehme mir einen Einkaufswagen, gehe die Gänge entlang. Brot, Milch, Konserven, etwas Obst. Dieselben Handgriffe, dieselbe Routine. Die Kassiererin nickt mir freundlich zu. Draußen ist es mild, fast frühlingshaft.

Als ich aus dem Laden komme, stehen einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter draußen. Sie rauchen, reden, lachen, so wie jeden Tag um diese Zeit. Ich öffne den Kofferraum, packe meine Einkaufstasche hinein, dann den kleinen Karton mit Wasserflaschen. Als ich den Deckel des Kofferraums herunterklappe, hebe ich kurz den Blick – und sehe sie.

Eine junge Frau, vielleicht Anfang zwanzig. Dunkles Haar, eine helle Jacke. Sie lehnt an der Mauer. In dem Moment, in dem sich unsere Blicke treffen, lächelt sie. Kein aufdringliches oder gespieltes Lächeln – eher so, als hätte sie mich erkannt, obwohl sie mich gar nicht kennt.

Ich lächle zurück, beinahe automatisch. Nur ein Sekundenbruchteil, aber etwas in diesem Moment bleibt in mir hängen.

Auf der Rückfahrt denke ich noch eine Weile an sie. Nicht, weil ich sie begehre oder mir etwas ausmale, sondern weil ihr Lächeln eine Art Wärme in mir hinterlassen hat – eine kleine Erinnerung daran, dass Begegnungen, so flüchtig sie auch sind, manchmal Spuren hinterlassen.

Einige Tage später bin ich wieder bei Lidl. Es ist später Nachmittag, das Licht wird weich und golden, die Luft kühl. Ich kaufe ein, wieder dieselben Dinge, dieselben Regale, dieselbe Musik. Als ich zu meinem Auto zurückkehre, fällt mir etwas am Scheibenwischer auf – ein kleiner, gefalteter Zettel, leicht vom Wind bewegt.

Ich ziehe ihn vorsichtig heraus. Darauf steht eine Telefonnummer. Und ein Name, den ich nicht kenne: Emina.

Ich sehe mich kurz um. Niemand in der Nähe. Nur die üblichen Gesichter, Menschen mit Tüten, Einkaufswagen, Kinderwagen. Ich halte den Zettel eine Weile in der Hand, bevor ich ihn in die Jackentasche stecke. Vielleicht Werbung, denke ich. Oder ein Irrtum.

Zuhause räume ich den Einkauf weg, ordne die Dinge in Schränke und Kühlschrank. Dann setze ich mich wieder an den Schreibtisch, öffne die Datei vom Vortag. Ich schreibe zwei Sätze, lösche sie wieder. Der Zettel fällt mir wieder ein. Ich ziehe ihn hervor, betrachte die Schrift – leicht rund, ein wenig unsicher, aber mit Sorgfalt geschrieben. Ich lege ihn zur Seite.

Am Abend gehe ich wie gewohnt in meine Stammkneipe, zwei Straßen weiter. Ein kleiner Laden mit Theke aus dunklem Holz, einem Fernseher in der Ecke, dessen Ton nie ganz ausgeschaltet ist. Ich setze mich an meinen Platz, trinke Bier, höre den anderen zu. Über Fußball wird geredet, über Politik, über den Nachbarn, der wieder den Müll zu früh rausgestellt hat. Dieselben Gespräche wie immer.

Ich lache mit, aber innerlich bin ich abwesend. Ich sehe die Schrift vor mir, den Namen, den ich nicht zuordnen kann: Emina.

Am nächsten Morgen ist der Himmel grau. Ich trinke meinen Kaffee, sehe den Dampf aufsteigen, höre die Stadt langsam erwachen. Auf dem Schreibtisch liegt der Zettel, zwischen Notizen, Entwürfen, Rechnungen. Ich nehme ihn in die Hand. Die Tinte ist leicht verschmiert, als hätte ihn jemand hastig geschrieben.

Ich überlege, was ich tun soll. Anrufen? Eine Nachricht schicken? Oder es einfach ignorieren, so wie man manchmal auch Träume beiseiteschiebt, die zu lebendig waren, um wahr zu sein.

Schließlich lege ich den Zettel wieder hin. Vielleicht rufe ich an. Vielleicht auch nicht. Manchmal, denke ich, sollte man die Dinge erst eine Weile ruhen lassen, bevor man sie berührt.

Erstes Kennenlernen

Ich habe einige Tage überlegt, ob ich jemanden anrufen soll, von dem ich nichts weiß – nicht, wer er ist, nicht, was er will. Der Zettel lag auf meinem Schreibtisch, neben dem Laptop, zwischen Rechnungen und Notizen. Jedes Mal, wenn ich hinsah, dachte ich, dass ich ihn irgendwann wegwerfen sollte. Aber dann tat ich es doch nicht.

An einem Abend, als die Wohnung still war und das Licht vom Bildschirm mein Gesicht blass erscheinen ließ, griff ich schließlich zum Handy. Ich tippte die Nummer ein, zögerte kurz, und drückte dann auf „Anrufen“. Nach ein paar Sekunden meldete sich eine weibliche Stimme. „Hallo?", sagte sie, etwas vorsichtig, fast überrascht.

Ich stellte mich nicht sofort vor. Ich wollte zuerst hören, wer sie war. „Ich heiße Emina", sagte sie dann. „Sind Sie der Mann, dem ich den Zettel an das Auto gesteckt habe?" Ich musste lächeln. „Ja, das bin ich."

Ihre Stimme klang warm, freundlich – und doch lag ein Zögern darin, als würde sie selbst noch nicht ganz wissen, ob das, was sie tat, richtig war. Sie erwähnte den Moment vor dem Supermarkt, dass wir uns angelächelt hätten. Während sie sprach, lachte sie leise, fast verlegen, als sei ihr die ganze Situation ein bisschen unangenehm.

Ich antwortete ruhig, versuchte, die Spannung in meiner Stimme zu verbergen. Ich sagte, dass ich sie ebenfalls sympathisch gefunden hätte, so vom ersten Eindruck her. Dann fragte ich, halb im Scherz, ob sie das öfter mache – jemanden anlächeln und ihm ihre Telefonnummer hinterlassen.

Sie verneinte sofort, fast empört, und dann lachte sie wieder, dieses leise, offene Lachen, das mir sofort gefiel. „Nein, wirklich nicht", sagte sie. „Das war nur so ein Moment. Eine spontane Sympathie. Sie müssen sich nicht verpflichtet fühlen, sich zu melden."

Ich sagte, dass ich mich nicht verpflichtet fühle, aber interessiert sei und dass sie mich neugierig gemacht habe. Dann schlug ich vor, dass wir uns vielleicht einmal treffen könnten – auf einen Spaziergang, am Rhein oder so. Sie überlegte kurz. Dann stimmte sie zu. Wir verabredeten uns für den nächsten Sonntag.

Der Sonntag kam still und hell. Es war kühl, aber nicht kalt, und der Himmel hatte dieses blasse Blau, das fast durchsichtig wirkt. Ich fuhr zum Rheintor in Krefeld, ein Ort, an dem ich lange nicht mehr gewesen war. Als ich ankam, stand sie schon dort.

Sie trug eine helle Jacke, eine einfache Jeans, ihr Haar fiel lose über die Schultern. Als sie mich sah, winkte sie leicht. Ich ging auf sie zu. Unsere Hände zitterten ein wenig, als wir uns begrüßten – vielleicht vor Kälte, vielleicht auch aus Unsicherheit.

„Emina", sagte sie, als würde sie sich noch einmal vorstellen müssen. Ich nannte meinen Vornamen, bot ihr das Du an, und sie nickte. Wir gingen los, langsam, Schritt für Schritt, ohne festes Ziel. Der Rhein glitzerte matt im Licht, das Wasser zog träge vorbei. Die Luft war klar, und irgendwo roch es nach Holzfeuer. Eine stille, harmonische Stimmung, und doch war da etwas Unausgesprochenes zwischen uns – eine leichte Spannung, wie ein Ton, der in der Luft hängt.

Ich fragte sie, woher ihr Name komme. „Aus dem Arabischen", sagte sie. „Er bedeutet so etwas wie die Vertrauenswürdige." Sie sprach leise, fast nachdenklich, und lächelte kurz, als würde sie sich über die Bedeutung freuen. „Meine Eltern sind türkisch-arabischer Herkunft", fügte sie hinzu, „aber ich bin hier geboren. In Duisburg."

Ich nickte. Wir schwiegen eine Weile, hörten das Wasser, das gleichmäßig an die Steine schlug.

Ich sah sie an – ihren leicht gebräunten Teint, das dunkle Haar, das ihr bis zur Schulter reichte, und ihre unaufgeregte Art, die zugleich selbstbewusst und vorsichtig wirkte. Ich schätzte sie auf Anfang zwanzig, eine junge, moderne Frau, die doch etwas Zeitloses an sich hatte.

Ich erzählte, dass ich Freier Journalist bin, über Märkte und Entwicklungen schreibe, über Firmen, Produkte, Menschen, manchmal auch über Dinge, die niemand sonst beachtet. Das interessierte sie. Sie fragte, ob ich das studiert hätte. Ich nickte, sagte: „In Aachen und in Duisburg. BWL und VWL."

„Ich würde auch gerne studieren", sagte sie dann. „Aber ich habe nur die Mittlere Reife. Ich weiß gar nicht, wie ich das schaffen soll."

Ich sagte, dass es Abendschulen gibt, wo man das Abitur nachholen kann. Es dauert länger, aber es ist möglich. Sie fand das interessant, wusste aber nicht, wie ihre Eltern reagieren würden. Ihr Bruder, sagte sie, habe nur die Hauptschule abgeschlossen und arbeite als Dachdecker.

Ich meinte, sie könne ja tagsüber weiterarbeiten und abends zur Schule gehen. Es sei anstrengend, ja, aber wenn sie es wirklich wolle… Sie nickte und sagte, dass sie viele Interessen habe, aber noch nicht wisse, was sie eigentlich studieren wolle.

„Dafür hast du Zeit", sagte ich.

Im Spannungsfeld der Kulturen

Zwei Tage später rief Emina an. Ihre Stimme klang gefasster, sicherer als beim ersten Mal. Sie sagte, sie würde mich gern wiedersehen, noch einmal spazieren gehen, am Rhein. Es sei so schön gewesen, das letzte Mal. Ob ich sie nicht abholen könne, am Nachmittag, so gegen vier, vor dem Supermarkt.

Es war Mitte September, die Sonne stand noch warm über den Dächern, das Licht fiel weich über die Straßen. Ich sagte zu und fuhr pünktlich los. Sie stand schon da, als ich ankam.

Sie trug ein leichtes Sommerkleid in einem mittleren Blau, mit kleinen Blumen darauf. Es stand ihr gut, betonte ihre schlanke Figur, und ihr Haar, vom Wind bewegt, fiel locker über die Schultern. Als sie mich sah, lächelte sie so offen, dass ich unwillkürlich zurücklächeln musste.

Sie stieg ins Auto, drehte sich kurz zu mir um, als wollte sie mir fast einen Kuss auf die Wange geben. Nur ein flüchtiger Moment, doch nah genug, um mich zu überraschen. Zwischen uns war etwas Selbstverständliches entstanden – eine Nähe, die sich nicht erklären ließ, aber natürlich wirkte.

Wir fuhren zum Rheintor, stellten das Auto ab, und sie reichte mir beim Aussteigen ihre schmale Hand, als wäre das schon eine kleine Gewohnheit. Dann drückte sie mich leicht an sich, fast unmerklich, und wir gingen wieder am Fluss entlang, in Richtung der großen Brücke.

„Hast du dir wirklich Zeit genommen?“ fragte sie, mit einem kleinen, neckischen Lächeln. „Du arbeitest doch sonst dauernd."

Ich nickte. „Heute ja. Heute arbeite ich nicht."

Sie fragte, was ich sonst so in meiner Freizeit mache. Ich erzählte, dass ich meist abends arbeite, wenn alles ruhig ist, dass ich mich für Kunst interessiere, besonders für Zero und Popart. Ich erklärte ihr, dass ich mir Auktionskataloge kommen lasse, um mehr darüber zu lernen, und dass ich mich schon in der Schulzeit oft in Museen verloren hätte.

Sie nickte langsam. „Wir waren mit der Schule auch mal im Museum, hier in Krefeld. Das war interessant. Ich finde das schön, wenn man sich mit sowas beschäftigt. Meine Eltern haben davon keine Ahnung", sagte sie lächelnd, "das ist einfach nicht ihre Welt."

Sie erzählte, dass ihre Eltern aus der Türkei stammten. Zuhause hänge über der Couch ein gewebtes Wandbild, und gegenüber Fotos ihrer Vorfahren. "Das ist alles schön, irgendwie", sagte sie leise, "aber ich kann mich damit nicht mehr so richtig identifizieren. Ich bin heute mehr deutsch als türkisch, glaube ich. Aber vergessen will ich meine Herkunft auch nicht."

Ich nickte. Es klang ehrlich, nicht trotzig, eher nach einem leisen Versuch, beides miteinander zu versöhnen.

Sie fragte, ob ich ihr einmal ein paar meiner Kunstbücher ausleihen könne. Ich versprach es.

Wir gingen eine Weile schweigend weiter. Der Rhein glitt still dahin, die Sonne stand tief, das Licht schimmerte auf dem Wasser. Ich hob einen flachen Stein auf und warf ihn über die Oberfläche. Er sprang drei, viermal, bevor er versank.

Emina lachte, beugte sich hinunter und suchte selbst einen Stein. Ihr Wurf brachte zwei Hüpfer zustande, dann platschte er ins Wasser. "Na ja", sagte sie lachend, "du hast mehr Übung." "Ein bisschen vielleicht.", antwortete ich.

Das Lachen klang noch nach, als sie wieder ernst wurde. "Wie sind deine Eltern so?" fragte ich.

Sie zögerte kurz. "Streng, würde ich sagen. Also… türkisch streng. Aber sie sind in Ordnung. Sie meinen es gut." Sie sah mich an. "Ich lebe hier, nicht am Bosporus. Ich bin hier aufgewachsen. Ich habe mehr deutsche Freunde als türkische. Meine Mutter will manchmal, dass ich ein Kopftuch trage. Das kommt für mich nicht in Frage."

Die Offenbarung

Einige Tage später traf ich meinen Freund Jan André in unserer Stammkneipe. Ich erzählte ihm von meiner Begegnung mit Emina. Ich erzählte ihm, dass sie so hübsch ist, auch irgendwie recht intelligent, und dass sie im Supermarkt arbeitet und doch lieber mehr aus ihrem Leben machen möchte, und dass sie türkischer Abstammung wäre. Ich sagte ihm, dass ich sie sehr mag, mehr sogar, als mir lieb ist, und dass sie doch noch so viel jünger ist.

Er hörte sich das alles sprachlos an und hob nur immer wieder die Augenbrauen, als ich ihm die Details erzählte. Er meinte daraufhin, dass ich es mir doch sehr überlegen sollte, was ich von Emina wolle, sie würde doch altersmäßig nicht so gut in unsere Clique passen usw. Ich erwiderte ihm, dass ich seine Vorbehalte verstehen würde und dass auch noch gar nichts passiert wäre. Ich gebe ihm ja in allen Punkten recht, aber es ist mir doch vollkommen egal, dass ihre Eltern türkischer Abstammung wären. Aber das mit dem Altersunterschied ist sicherlich für mich ein Problem. Ich sehe sie derzeit als eine bezaubernde, junge Freundin, mehr eigentlich nicht, und ich treffe sie sehr gerne, es ist immer sehr harmonisch.

Er fragte, wie oft habt ihr euch schon getroffen? Ich erzählte ihm von meinen Gesprächen mit Emina. Dann sagte Jan André, ob ich mir denn sicher wäre, dass ich Emina widerstehen könnte, falls sie mehr von mir möchte? Ich antwortete, dass ich mich doch zurückhalten wolle. Er betonte dann beim letzten Schluck Bier an diesem Abend, dass ich sehr vorsichtig sein sollte, denn sie hätte ja schließlich auch noch einen Bruder, der bestimmt auf sie aufpassen würde. „Stimmt", sagte ich, „an den habe ich noch gar nicht mehr gedacht."

Am nächsten Tag klingelte es an meiner Tür im Büro. Es war Freitag, später Nachmittag. Emina stand da und hielt mir einen kleinen Strauß Blumen entgegen. Ich nahm ihn an und bat sie herein. Ich sagte: „Magst du einen Kaffee oder Tee oder Wasser oder etwas Anderes?" "Einen Tee bitte", antwortete sie und fragte, welchen ich denn da hätte – Schwarz oder Ingwer. Sie wählte Ingwer. Eine gute Wahl, dachte ich.

Ich bedankte mich für die Blumen und sagte, dass sie sehr schön wären, aber womit ich das denn verdient hätte, fragte ich. Sie meinte, dass sie mich so sehr sympathisch finden würde, und dann hätte sie sich ganz spontan dazu entschlossen. Und vielleicht möchte ich ja die Blumen auch auf meinen Schreibtisch stellen. Das tat ich dann natürlich auch. Ich wählte dafür eine Murano-Vase der Glasbläserei Cenedese. Sie meinte, dass es eine wunderschöne Vase wäre und fragte, woher ich sie hätte. Ich erzählte ihr, dass ich öfter auf Trödel- und Antikmärkte gehen würde und daher meine kleine Murano-Sammlung hätte.

Sie meinte, dass ich sie doch auch einmal zu einem Besuch eines Trödelmarktes mitnehmen könnte. Ich sagte, dass ich meistens mit meinem Freund Jan André nach Düsseldorf zum Trödelmarkt fahren würde, aber ich könnte ja anstatt seiner sie mitnehmen. Sie stand neben mir, als ich ihr den Tee brachte. Sie nahm die Tasse, und ihre Hand zitterte. Ich tat so, als wenn ich es nicht bemerken würde.

Irgendwie versuchte sie einen Satz zu beginnen und schaute dabei ganz verlegen. Dann stellte sie die Tasse auf den Schreibtisch, zog mich etwas an sich heran und legte ihren Kopf an meine Schulter. Ich war in dem Moment etwas verhalten, ich wusste nicht recht, wie ich darauf reagieren sollte. Ich nahm sie in den Arm und fragte sie, ob irgendetwas geschehen wäre. Ich dachte dabei vielleicht an ihren Job oder an ihre Familie.

„Nein", sagte sie, „ich habe dich so total lieb und wüsste nicht, wie ich es sagen könnte." Sie drückte dabei ihre Wange an meine. Dann sagte sie: „Ich glaube, dass ich mich etwas in dich verliebt habe."

Ich sagte ihr daraufhin, dass auch ich sie sehr mögen würde, aber dass ich doch aufgrund des Altersunterschiedes etwas zurückhaltend sein müsste. Ich sagte: „Wir können sehr, sehr gute Freunde sein und ich bin so unheimlich gerne mit dir zusammen, aber wir sollten doch vernünftig sein."

Sie sagte, dass ihr der Altersunterschied vollkommen egal wäre, es ginge ihr nur um mich.

Ich drückte sie an mich und erklärte ihr, dass ich sie natürlich sehr mag, aber es ginge doch nicht – auch weil wir Freunde in einem anderen Alter hätten, und ihre Eltern würden das doch auch nicht gutheißen. Das würde doch einfach nicht passen.

Ihr liefen einige Tränen an der Wange herunter. Ich sagte ihr, dass sich an unserer Beziehung, so wie sie ist, nichts ändern wird, ich hätte sie total lieb, aber es ginge nun leider nicht. Ich würde gerne ihr bester Freund sein und gerne für sie da sein, wenn sie mich braucht.

Sie schluchzte etwas, gab mir einen Kuss und sagte, dass sie nun nach Hause gehen müsse. Sie wäre jetzt sehr traurig, ich solle das bitte verstehen. Und ob wir uns trotzdem bald wiedersehen könnten. Ich sagte ihr zu, und dass alles so bleibt wie bisher zwischen uns. Das tröstete sie etwas. Dann ging sie hinaus.

Wirrungen

Ich habe Emina nun schon seit einigen Wochen nicht mehr gesehen oder gesprochen, aber ich denke sehr oft an sie und frage mich, wie es ihr wohl so geht. Auch im Supermarkt habe ich sie nicht angetroffen. Ich schwanke zwischen Sehnsucht und dem Wunsch loszulassen; innerlich bin ich etwas zerrissen und unruhig. Ich arbeite viel, um mich abzulenken.

Jan André meldet sich und fragt, ob ich mit zum Konzert in die Kufa kommen wolle. Es spielen wieder “m. walking on the water”, auch die ganze Clique käme heute Abend, man müsse sehen, noch Karten zu bekommen. Ich sagte zu und Jan André versprach, eine Karte für mich mitzubringen. Die ganze Clique traf sich dann in der Kufa; es war eine super Stimmung und die Erwartung auf das Konzert mit “m. walking on the water” war immer ein Highlight. Wir standen zusammen und plauderten über die Neuigkeiten, die es über die Musiker zu berichten gab; einige von uns sind mit den Musikern befreundet.

Das Konzert begann, alle bewegten sich im Rhythmus, der von der Band vorgegeben wurde. Dann erkannte ich plötzlich an der Seite der Halle Emina. Sie war mit Freundinnen gekommen; sie unterhielten sich angeregt. Unsere Blicke kreuzten sich und wir lächelten uns zu. Ich traute mich nicht, zu ihr rüberzugehen, da sie ja nicht alleine dort stand und wir uns sicherlich etwas zu erzählen hatten – und andere sollten nicht unsere Gefühlswelt mitbekommen. Das ist nur etwas zwischen ihr und mir.

Ich ging einige Schritte von der Clique weg in Richtung Ausgang, wo kaum noch jemand stand und man sich vielleicht noch etwas in Ruhe unterhalten könnte. Dann sah ich, wie auch Emina auf mich zukam. Sie kam näher und streckte mir ihre weiche Hand entgegen. Die Situation war verhalten; wir wussten nicht so recht, wie wir uns nun verhalten sollten, nachdem ich ihr gesagt hatte, dass ich nur Freundschaft mit ihr haben möchte. In der Halle, von der Bühne kommend, war es sehr laut, und wir standen sehr nah beieinander.

Sie sagte, dass es ihr eigentlich recht gut gehe, aber sie würde meine Nähe sehr vermissen. Ich konnte das nur bestätigen, und bemerkte, wie unsere Sinne nicht so recht wussten, mit der Situation umzugehen. Dann sagte sie, dass sie mit der Abendschule begonnen hätte und dass es ihr sehr leicht fiele, dort den Einstieg zu finden; auch wären die Mitschüler/innen alle mehr oder weniger in ihrem Alter. Ich vermerkte, dass ich sie im Supermarkt nicht mehr gesehen hätte; sie hatte die Frühschicht angenommen, damit sie sich nachmittags auf die Schule vorbereiten könne. Unterstützend betonte ich, dass ich das toll fände, dass sie diesen Schritt gemacht hätte, und ich sei überzeugt, dass sie es schaffen würde.

Sie erzählte, dass ihre Eltern zuerst nicht davon überzeugt gewesen wären, dass es der richtige Weg für sie sei, und dass sie doch im Supermarkt bleiben solle, bis sie eines Tages heirate und eine Familie gründe – so sei das in ihrer Kultur vorgesehen. Sie hatte intensive Diskussionen mit ihren Eltern deswegen, und auch ihr Bruder, der Dachdecker, hatte sich in die Gespräche eingemischt; letztlich aber hatte sie sich durchgesetzt. Sie wisse, dass die Kombination von Arbeit und Schule anstrengend werde.

Plötzlich bemerkte ich in der Kufa nur wenige Meter entfernt einen jungen Mann stehen, groß, kräftig, mit dunklem Blick; seine Augen waren starr auf mich gerichtet. Für einen Moment überlegte er, wie er sich verhalten solle, dann kam er näher. Emina sagte schnell: „Das ist mein Bruder Mehmet."

Er stand plötzlich vor uns und sprach auf sie ein. Nach einem kurzen Dialog zogen sich beide in den Vorraum der Toilette zurück. Ich konnte sie noch von weitem sehen; dort kam es zwischen beiden zu einem heftigen Meinungsaustausch. Er nahm sie am Arm, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen; sie wehrte sich, und es schien so, als habe sie ihm deutlich gesagt, dass er sie in Ruhe lassen solle. Dann sagte er ihr etwas sehr laut, das ich nicht verstand, aber das als ernste Ansage zu erkennen war. Sie drehte sich von ihm ab, sichtlich verwirrt von der Ansprache ihres Bruders. Sie blickte um sich und fand mich wieder an derselben Stelle wie zuvor. Sie kam zu mir und erzählte knapp, was ihr Bruder gesagt hatte. Sie sagte, dass er ihr vorgeworfen habe, sich nicht mit älteren Männern zu befassen und mehr die Nähe zu ihren Altersgenossen zu suchen.

Sie behauptete sich ihm gegenüber, indem sie ihm klar gemacht habe, dass sie alt genug sei, selbst über ihr Leben und ihre Ausbildung zu bestimmen – und vor allem, über ihre Freundschaften. Das habe ihn sehr verärgert; er sei wütend und ungehalten gewesen. Sie nahm meine Hand und hielt sie einen Moment lang fest. Mein Freund Jan André hatte das beobachtet. Als Emina kurz zu ihren Freundinnen ging, stieß er mich an, sah mich ernst an und meinte, dass sie wohl etwas zu jung für mich sei. Ich zuckte mit den Schultern – mehr musste ich dazu nicht sagen.

Emina kam zurück, und ich stellte sie den Musikern vor. Höflich gaben sie sich die Hände und schwiegen. Die Musiker spielten weiter. Und als Emina wieder meine Hand nahm und sie leicht drückte, sagte sie, dass sie zurück zu ihren Freundinnen müsse. Als das Konzert zu Ende war, gingen alle durch das große Tor. Ich sah Emina noch kurz nach; sie winkte mir zu und zeigte mit zwei gespreizten Fingern am Kopf, dass sie mit mir telefonieren wolle. Ich lächelte ihr liebevoll zu und winkte zurück.

Jan André und ich gingen danach in unsere Stammkneipe, wo später auch die Musiker dazukamen. Jan André fragte, woher ich das junge Mädchen kenne. Ich erzählte auch ihm die Geschichte, dass ich im Supermarkt einmal ein Glas Gurken hab fallen lassen. Dann hätten wir es zusammen aufgewischt und so wären wir uns nähergekommen.

Ein paar Tage später schrieb mir Emina per Handy eine Nachricht: In Duisburg sei am kommenden Samstag das türkische Fest; ich solle doch mitkommen. Es gebe dort türkische Musik, Essen und Volkstänze. Ich schrieb zurück, dass ich gern mitfahre. Sie freute sich sehr, dass ich Interesse an ihrer Kultur zeigte.

Einige Tage später klingelte es an meiner Tür. Ich öffnete und sah einen jungen, kräftigen Mann. Er sagte: „Guten Tag, ich möchte einmal mit Ihnen sprechen. Ich bin…" Ich erwiderte, dass ich wüsste, wer er sei – ich hätte ihn in der Kufa gesehen und sie habe mir gesagt, dass er Mehmet heiße. Ich sagte: „Ich weiß, du bist Mehmet."

Er sagte: „Ich möchte mit Ihnen über Emina sprechen." Ich bat ihn herein und sagte, wir könnten uns duzen. Doch dann meinte er mit aufgerissenen, bösen Augen, dass ich doch etwas älter wäre und bei ihm beim ‚Sie‘ bleiben wolle. Ich bestand auf dem Du. Ich bat ihn, sich zu setzen.

Er begann zu sprechen und meinte, er habe bereits mit den Eltern darüber geredet, dass ich ein Verhältnis mit Emina beginnen würde, vielleicht sei es sogar schon geschehen. Ich erklärte ihm, dass Emina und ich nur gute Freunde seien; wir fänden uns sympathisch, und es gäbe keinen Grund zur Sorge. Er warf mir vor, ich hätte Emina dazu angestachelt, die Abendschule zu besuchen, sodass sie jetzt doppelt belastet sei – Arbeit und Schule. Seine Eltern hätten andere Pläne für sie; sie solle in ein oder zwei Jahren heiraten, so sei das in ihrer Kultur.

Ich meinte dazu, dass Emina alt genug sei, selbst zu entscheiden, was für sie richtig sei. Er wurde mürrisch und sagte, ich solle die Finger von Emina lassen. Ich stand auf und sagte: „Ich kann das auch noch ganz anders sagen." Ich entgegnete, er solle mir nicht drohen; ich meinte es nur gut mit ihr. Ich gab ihm nahezu freundschaftlich die Hand und sagte, er brauche sich nicht zu beunruhigen. Er ging hinaus und schüttelte den Kopf.

Zeit der Reife

Emina rief mich an, ihre Stimme war zaghaft und sie verhaspelte sich etwas beim Sprechen: „Hey, wie geht es dir? Ich habe etwas Probleme mit Mathe in der Schule, kannst du mir dabei helfen? Ich verstehe manche Aufgaben nicht." Ich sagte natürlich spontan zu und bat sie, zu mir zu kommen, da ich etwas Zeit einräumen könnte.

Kurz darauf klingelte sie an der Tür; sie war etwas verstört und nervös. Ich sagte: „Hallo Emina, komm doch rein, vielleicht kann ich dir bei deinen Mathe-Aufgaben helfen." Sie zögerte nicht herein zu kommen, schmiss ihre Jacke und ihren Pullover auf den Stuhl und nahm mich in den Arm. „Das ist total lieb von dir, dass du mir so spontan helfen möchtest. Ich habe einige Aufgaben, die wir zwar in der Schule besprochen haben, aber die ich so alleine nicht lösen vermag."

Wir setzten uns an meinen Schreibtisch, ich räumte genügend Platz, damit sie ihre Hefte ausbreiten konnte. Wir lasen die erste Aufgabe und sie schaute mich fragend an. Ich wusste in dem Moment nicht, ob sie mich wegen der Aufgabe so intensiv musterte oder ob es einen anderen Grund hatte. Ich fragte: „Emina, ist alles okay bei dir, ich meine, jetzt nicht was die Schule anbelangt?" Sie schwieg einen Moment, nahm meine Hand und sagte, dass es ihr gefallen würde, wenn ich sie doch ‚Emi‘ nennen würde.

Ich versuchte mit ihr die erste Aufgabe durchzugehen, aber merkte, dass sie eigentlich nicht konzentriert bei der Sache war. Dann sprach sie: „Ich weiß, dass mein Bruder bei dir war." Ich sagte ja und erklärte, dass es mich sehr überrascht hätte und was er mir gesagt habe. Sie sagte, dass man zusammen mit den Eltern wieder einmal alles thematisiert habe. Sie fand es wichtig, dass ich ihrem Bruder vermittelt hätte, dass zwischen ihr und mir doch eigentlich nichts geschehen sei. Ihre Eltern seien dadurch etwas beruhigt; die Stimmung zuhause habe sich gebessert. Dann flüsterte sie ganz leise: „Eigentlich auch wieder sehr schade." Ich versuchte, den Satz zu überhören.

Sie hob die Stimme: „Weißt du, ich muss ständig an dich denken, ich möchte dich unbedingt öfter sehen. Können wir nächsten Samstag sehen? Da muss ich nicht in den Supermarkt, dann könnten wir doch ins Museum nach Köln?" Ich stimmte zu. "Aber jetzt müssen wir zuerst deine Mathe-Aufgaben durchgehen", sagte ich ernster.

Wir arbeiteten Aufgabe für Aufgabe, bis sie alles soweit verstanden hatte. Dann wollte sie noch die nächsten Aufgaben besprechen. Dafür blieb aber keine Zeit. Ich fuhr sie wieder nach Hause und hielt wie gewohnt eine Straße vorher an, damit wir nicht von ihren Eltern entdeckt wurden. Wir umarmten uns und sie gab mir wieder einen Kuss auf den Mund. Mein Herz bebte.

Am Samstag fuhr ich mit ihr nach Köln zum Museum. Sie trug einen schwarzen Rock, eine dunkelgraue Jacke und einen silberschimmernden Schal, lässig um den Hals gelegt. Ich dachte, sie habe schon viel gelernt, wie man sich in der Kunstszene kleidet; irgendwie wirkte sie intellektuell. Sie machte auf mich den Eindruck, erwachsener zu werden und verstand, das ihrbisher unbekannte Leben aufzunehmen.

Im Museum interessierte sie sich besonders für Heinz Mack; sie wusste von seiner Vorliebe für Silber und nannte den Satz, dass ‚Silber seine Farbe ist‘. Wir verbrachten viel Zeit vor seinen Werken. Später saßen wir im Museumscafé und sprachen über Schule, Kunstunterricht und Mathe. Ich bot ihr an, noch essen zu gehen; sie wollte lieber zu mir, falls ihr Bruder anrief.

Zu Hause warf sie ihre Jacke auf den Stuhl und ließ sich aufs Bett fallen. „Es ist richtig kuschelig bei dir", sagte sie. Ich machte grünen Tee; sie zog mich zu sich, wir lagen kopf-an-kopf. Sie meinte, dass es ein superschöner Tag gewesen sei. „Und so müsste es immer sein", flüsterte sie. Dann klingelte ihr Handy – ihr Bruder rief an. Es entbrannte ein Streit, sie wurde wütend, drohte, ihren Bruder bei den Eltern wegen angeblicher illegaler Dinge zu denunzieren. Schließlich unterhielten sie sich wieder ruhiger, verabredeten sich zur Rückkehr nach Hause.

Wir blieben noch eine Weile eng beieinander, ohne dass es intensiver wurde. Ich sagte ihr, dass die Gruppe “m. walking on the water” am Freitag in der Stammkneipe spiele; wir könnten uns dort wiedersehen. Sie stimmte zu. Ich fuhr sie nach Hause und hielt wie immer eine Straße vorher. Wir umarmten uns und sie gab mir einen langen Kuss.

Am Freitag kam sie dann mit einer Freundin in die Kneipe. Die Musiker begrüßten sie, spielten, und später setzten sie sich zu uns. Ich erzählte, dass wir uns im Supermarkt kennengelernt hätten – beim Aufwischen eines umgestürzten Gurkenglases. Emina kischerte wegen meiner Schilderung und stimmte dem aber zu.

Am nächsten Tag schrieb sie mir, dass in Duisburg jetzt das türkische Fest sei; ich sagte zu, mit ihr dorthin zu fahren.

Beim Fest trug sie ein langes dunkelgraues Kleid mit geschnürtem Gürtel und eine türkische Halskette. Alle tanzten, und Mehmet unterwies mich in einigen Tänzen; er zeigte mir u.a. die Tanzchritte für den Männertanz “Zeibek”. Wir gerieten in einen freundschaftlichen Umgang. Ich fühlte, dass sich eine normale freundschaftliche Beziehung zu Mehmet entwickelte. Später fuhren wir nach Krefeld; Emina wollte noch etwas Zeit bei mir verbringen.

Zu Hause ließen wir den Tag Revue passieren. Sie war reifer geworden; ich fühlte den Altersunterschied nicht mehr so stark. Wir küssten uns, nickten ein und erwachten. Schließlich fuhr ich sie nach Hause; wir umarmten uns leidenschaftlich und küssten uns intensiv.

Freunde

Jan André ruft an: „Mensch, Alter, ich seh dich kaum noch, was ist mit dir?" Ich antworte: „Ich habe in letzter Zeit sehr viel zu tun gehabt, neue Projekte etc., aber wir können uns ja bald mal wieder sehen. Wenn du magst dann treffen wir uns heute Abend in unserer Kneipe."

Am Abend schlendere ich durch die Stadt und sehe Jan André schon von außen durchs Fenster am Tisch sitzen. Ich gehe hinein und setze mich zu ihm. Er will nun ganz genau wissen, was los ist. Nach einigem Zögern erzähle ich ihm von meinen Treffen mit Emina, allerdings nur in groben Zügen.

„Und, jetzt mal raus mit der Sprache, was läuft da genau mit dir und Emina, ist das etwas Festes?" fragt er. Ich sage: „Ich weiß es selber nicht so genau, wir haben uns total lieb, aber du weißt ja, da ist der Altersunterschied, und ich weiß nicht so recht, ob das gut gehen kann."

Er meint: „Du hast es doch sonst auch nicht so genau genommen", und grinst. Ich antworte: „Du, es ist ganz anders mit Emina, ich bin bei ihr total zögerlich, vielleicht möchte ich sie nicht verletzen." Er fragt: „Es ist wirklich so ernst mit ihr? Du bist ganz vorsichtig, aber bist du dir absolut sicher, dass es nicht doch noch eine Beziehung für immer wird?" Ich gestehe, ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalten kann.

Da kommt Mike von der Band “m. walking on the water” herein und setzt sich zu uns. "Wer ist denn nun diese unglaublich hübsche junge Frau, mit der ich dich hier und da gesehen habe? Ist das deine neue Freundin?" Er sieht, dass ich nicht darüber sprechen möchte, und fragt trotzdem nach. Markus kommt später dazu und mischt sich ebenfalls ein. Ich versuche das Thema abzufangen, indem ich über das Konzert und die neue LP spreche, bis das Gespräch schließlich auf andere Dinge wechselt.

Zuneigung

Emina rief an: „Kann ich heute Abend zu dir kommen? Es gibt etwas zu feiern – das erzähle ich dir später." Ich sagte: „Ja, natürlich, Emi, gerne. Wir haben uns schon seit Tagen nicht mehr gesehen. Ich freue mich."

Ich besorgte noch schnell eine gute Flasche italienischen Rotwein und räumte die Wohnung auf. Am Abend kam Emina – wie gewohnt mit einem festen Kuss. Sie warf sich aufs frisch bezogene Bett, stellte die Baklava daneben und erklärte, dass ihre Mutter sie gebacken habe.

„Emi, du bist ein Schatz. Aber was gibt es denn nun zu feiern?" fragte ich. Sie lächelte: „Du sagst das erste Mal 'Emi' zu mir – das freut mich sehr. Ich habe eine Eins in Mathe, eine Zwei in Englisch und noch eine Eins in Kunst", erzählte sie stolz.

Wir aßen die türkischen Köstlichkeiten und tranken den Rotwein. Sie erzählte, dass ihre Klasse am nächsten Tag feiern würde und dass sie mit einer Freundin zu einem Geburtstag in Duisburg fahren wolle. Wir redeten viel und liebkosten uns. Sie sagte, sie wolle mich von nun an für immer lieben.

Wir liebten uns die ganze Nacht bis fast zum frühen Morgen. Ich gab ihr einen Schlüssel zu meiner Wohnung, damit sie mich jederzeit besuchen könne. Am Morgen brachte ich sie zu ihren Eltern; wir umarmten uns und küssten uns intensiv.

Ende

Mehmet ruft mich am späten Nachmittag an, seine Stimme ist ungewohnt holprig, er ist dem Weinen nahe und versucht sich immer wieder zu fassen. Dann versucht er etwas Verständliches zu formulieren: „Emina hatte einen schweren Unfall…" Er stockt wieder und weint fürchterlich: „Emina ist tot."