Koks und Geld
Einführung lesen
Ein Zufall bringt alles ins Rollen: Nach einem Unfall auf einer Landstraße entdeckt der Erzähler einen illegalen Fund – und behält ihn. Was zunächst wie eine einmalige Entscheidung erscheint, entwickelt sich zu einem schleichenden Prozess, in dem Geld zur zentralen Triebkraft wird.
Zwischen Drogengeschäften, Schweigen und wachsendem Druck verschwimmen die Grenzen zwischen Unschuld und Beteiligung. Der Erzähler gerät immer tiefer in ein Geflecht aus Abhängigkeiten, in dem Moral verhandelbar wird und jede Entscheidung neue Konsequenzen nach sich zieht. Während Polizei und Umfeld näher rücken, zeigt sich: Nicht die Angst vor Entdeckung ist die größte Gefahr, sondern die innere Verschiebung dessen, was noch als richtig gilt.
Diese Geschichte verbindet Kriminalroman und psychologische Studie. Nüchtern und eindringlich erzählt sie von der Macht des Geldes, von stiller Komplizenschaft und von der Frage, wie leicht sich ein Leben aus dem Gleichgewicht bringen lässt.
Teil
Koks
Der Unfall
Ich lebe mit meiner Familie auf einem Restbauernhof, wie auch meine Nachbarn, die alle aus verschiedenen Berufen kommen. Die Häuser liegen etwas von der Straße zurück und sind über schmale Wege mit der Landstraße verbunden. Mein Nachbar zur linken Seite ist gelernter Architekt und lebt allein. Seine Eltern hatten früher den Hof betrieben; nach ihrem Tod hat er die Ländereien verpachtet. Er ist ein eigenwilliger, wortkarger Mensch.
An einem Morgen im August saß ich wie gewöhnlich an meinem Schreibtisch in der ersten Etage und arbeitete an einem Zeitungsartikel über die künftige Nutzung des stillgelegten Zechengeländes. Die Bergbaugesellschaft beabsichtigte, das Areal an einen Investor oder an die Stadt zu verkaufen. Ich hatte dazu bereits Gespräche mit Beamten, Politikern und Umweltverbänden geführt und versuchte nun, die verschiedenen Interessen in meinem Text zusammenzubringen.
Plötzlich hörte ich ein Motorrad mit hoher Geschwindigkeit die Landstraße entlangrasen. Kurz darauf das Quietschen von Reifen – offenbar war es in die Seitenstraße eingebogen und ins Schleudern geraten. Dann ein dumpfer Aufprall. Ich sprang auf und trat ans Fenster. Auf der Straße war eine frische Bremsspur zu erkennen, dahinter ein roter Sportwagen.
Ich sah einen Mann, der aus dem Sportwagen sprang, dann sammelte hastig etwas auf und suchte den Graben ab – und als er mich am Fenster bemerkte, rannte er zurück ins Auto. Der Wagen beschleunigte und verschwand.
Als ich den Unfallort erreichte, war auch schon mein Nachbar da. Ich rief sofort die Polizei, während wir uns über den leblosen Motorradfahrer beugten. Ich fühlte seinen Puls – nichts. Auch die Atmung war ausgesetzt.
Ich fragte meinen Nachbarn, ob er sich das Kennzeichen des Wagens gemerkt habe. Er verneinte, sagte aber, der Beifahrer sei ihm aufgefallen, und das Kennzeichen sei wohl gelb gewesen. Mehr könne er nicht sagen, und er müsse nun zurück – er habe noch etwas auf dem Herd stehen.
Ich blieb bei dem Verunglückten, bis Polizei und Krankenwagen eintrafen.
Während sie sich um den Toten kümmerten, bemerkte ich am Grabenrand ein kleines Päckchen. Ich hob es auf und legte es unauffällig an den Rand meines Gartens.
Die Polizei befragte mich zum Unfallhergang. Ich erzählte alles, erwähnte auch, dass mein Nachbar vielleicht noch etwas gesehen habe. Einer der Polizisten sagte beiläufig, ihm komme das Motorrad bekannt vor, wollte sich aber nicht näher dazu äußern.
Nachdem der Unfallort abgesichert und der Tote abtransportiert war, kehrte ich ins Haus zurück. Später fiel mir wieder das Päckchen ein. Ich holte es heran, legte es auf meinen Schreibtisch und betrachtete es genauer. Es war mit Klebeband umwickelt, darunter eine Schicht Packpapier. Ich schnitt es vorsichtig auf – ein feines, weißes Pulver rieselte heraus.
Am Nachmittag sprach ich mit meinem Nachbarn über den Unfall. Wir tauschten unsere Beobachtungen aus und was wir der Polizei gesagt hatten. Vom Päckchen erzählte ich nichts.
Als meine Frau von der Arbeit und die Kinder von der Schule kamen, berichtete ich nur vom Unfall und dass der Motorradfahrer gestorben war – er war mit dem Hals gegen das Verkehrsschild geprallt und hatte sich das Genick gebrochen.
Das Päckchen hielt ich verborgen. Ich wollte mir erst sicher sein, womit ich es zu tun hatte – obwohl ich längst eine Ahnung hatte.
Die Ermittlungen
Einen Tag später stand ein Polizist vor meiner Tür und befragte mich erneut, was ich im Detail beobachtet hätte. Ich sagte, ich hätte doch bereits alles seinem Kollegen geschildert. Ob ich irgendwelche Gegenstände gesehen oder gefunden hätte? Ich verneinte.
Er fragte weiter, ob ich nach dem Abzug von Polizei und Rettung noch einmal den Graben abgesucht hätte. Man habe im Rucksack des Toten Spuren gefunden, die darauf hindeuteten, dass er mehrere Kilo einer Substanz transportiert habe, die nun verschwunden sei. Dann wollte er wissen, ob mein Nachbar vielleicht mehr wüsste, als er angegeben habe, und womit dieser seine Zeit verbringe. Ich antwortete, dass wir kaum Kontakt hätten – er sei verschlossen und lebte zurückgezogen.
Schließlich fragte der Polizist, ob ich bemerkt hätte, dass mein Nachbar häufig denselben Besuch bekomme, vielleicht mit demselben Fahrzeug. Ich verneinte auch das. Mir wurde klar, dass hinter der Sache mehr steckte, als ich bislang vermutet hatte.
Am Abend traf ich mich mit meinem Freund Jan André in unserer Stammkneipe.
Ich nahm eine kleine Probe des Pulvers mit. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte – den Unfall, die Polizei, das Päckchen. Dann zog ich die Probe aus der Tasche.
Jan André nahm etwas davon zwischen die Finger, benetzte sie mit Speichel, schmeckte – und sah mich mit großen Augen an. „Das ist reines Koks“, sagte er.
„Wie viel hast du davon?“ „Etwa ein Pfund."
Er pfiff durch die Zähne. „Das sind locker zwanzigtausend Euro. Da wird jemand danach suchen."
Ich sagte, die Polizei habe mich befragt, jetzt könne ich kaum noch hingehen und behaupten, ich hätte vergessen, ihnen das Päckchen zu geben. Jan André schwieg einen Moment, dann meinte er, man müsse überlegen, was man damit machen könne. Vielleicht kenne er jemanden, der es abnehmen würde – er brauche nur ein paar Tage. Ich bat ihn, meinen Namen aus allem herauszuhalten.
Am nächsten Tag sah ich einen Mann in einer orangefarbenen Weste am Unfallort. Er untersuchte den Graben, schaute sich immer wieder um. Später traf ich ihn auf meiner Einfahrt. Er grüßte freundlich und sagte, er sei von der Stadt und müsse die Unfallstelle wieder herrichten.
Kurz darauf rief meine Chefredakteurin an: Ich solle einen Artikel über den Unfall schreiben, schließlich wohne ich direkt vor Ort. Ich bat um Aufschub – ich müsse noch etwas recherchieren.
Ich kontaktierte die Polizei und bat um ein Interview mit dem zuständigen Beamten. Am Nachmittag traf ich den Polizeisprecher im Präsidium. Er erklärte, der Motorradfahrer sei zu schnell gewesen, habe die Kurve falsch eingeschätzt und sei gegen das Verkehrsschild geprallt. Das sei soweit bekannt.
Ich fragte nach dem roten Sportwagen, der am Unfallort gesehen worden war und dann verschwand. Und nach dem Polizisten, der das Motorrad angeblich kannte. Zögernd sagte der Sprecher schließlich, es handele sich um eine Clansache. Das Motorrad gehöre einem bekannten Familienverband, ebenso der Sportwagen – beide seien oft mit gefälschten Kennzeichen unterwegs. Am nächsten Morgen ging ich zu meinem Nachbarn. Ich wollte wissen, ob er mehr wusste. Seine Wohnung war unordentlich, der Geruch von Alkohol lag in der Luft.
„Heinrich, geht es dir gut?“, fragte ich.
Er zögerte, dann sagte er, er habe am Unfallort ein offenes Päckchen gefunden – fast leer. Er wisse, was es war: „Feinstes Kokain.“ Er habe etwas davon probiert, seitdem fühle er sich benommen.
Ich riet ihm, das Kokain der Polizei zu geben. Er winkte ab, dafür sei es zu spät.
Ich merkte, dass er kaum noch klar denken konnte. Ich empfahl ihm, es wenigstens irgendwo zu verstecken.
Am nächsten Tag hielt ein Polizeiwagen vor seinem Haus. Offenbar hatten sie noch Fragen. Bald kam ein zweiter Wagen, diesmal von der Kriminaltechnik. Es dauerte fast zwei Stunden, bis sie wieder abfuhren. Heinrich blieb zurück.
Ich rief den Polizeisprecher an, fragte, was sie bei meinem Nachbarn gemacht und gefunden hätten. Die Antwort war ausweichend: Man könne sich nicht zu Details äußern, aber es gebe Hinweise, dass Heinrich nicht alles gesagt habe.
Am Abend hörte ich eine Autotür. Ich dachte, Heinrich sei vom Kegelabend zurück – doch er war es wohl nicht, wie sich später heraus stellte.
Von der Polizei erfuhr ich, dass Drogenhändler in sein Haus eingedrungen waren. Sie hatten erfahren, dass bei ihm Kokain gefunden worden war, und glaubten, es sei noch mehr dort. In jener Nacht rief Heinrich mit letzter Kraft die Polizei. Als sie eintraf, war er tot – gestorben an der Mischung aus Alkohol, Kokain und den Spuren brutaler Folter.
Am nächsten Morgen kontaktierte mich die Chefredakteurin und fragte, wann der Artikel fertig sei. Ich erklärte, dass ich noch recherchiere – mein Nachbar sei ermordet worden, offenbar von rivalisierenden Clans.
Ich sprach erneut mit dem Polizeisprecher. Er bestätigte, dass der Motorradfahrer das Kokain einem anderen Clan gestohlen habe und auf der Flucht war. Heinrich hatte eines der Päckchen gefunden und etwas davon genommen. Am Abend kamen die Männer, um den Rest zurückzuholen. Sie fanden fast nichts mehr – folterten und töteten ihn.
Ich schrieb die Geschichte auf und schickte sie an die Redaktion.
Der Deal
Ich traf mich wieder mit Jan André in unserer Stammkneipe. Als ich hereinkam, sah ich ihn nervös mit den Füßen wippen.
„Was ist los, Jan André?“
„Nichts Besonderes“, sagte er, doch seine Unruhe war spürbar.
Er erzählte, er kenne jemanden, der gelegentlich Stoff verkaufe, aber nicht mit Koks – dafür habe er keine Abnehmer. Vielleicht könne er jemanden fragen. Ich warnte ihn: Das sei gefährlich. Wir hätten es mit kriminellen Clans zu tun – Menschen, die das Geld und die Macht haben, zu töten. Jan André schlug vor, es im Darknet zu versuchen. Ich erinnerte ihn daran, dass man auch dort nie sicher sei. Ein Treffen mit einem der Klans oder unbekannten Käufern könnte tödlich enden. Schließlich einigten wir uns darauf, dass wir das Koks der Polizei übergeben sollten, um die Sache endgültig abzuschließen.
Am nächsten Tag brachte Jan André mir die restliche Substanz zurück. Ich ging zur Polizei und erklärte, dass jemand den Stoff gefunden, lange darüber nachgedacht und sich schließlich entschlossen habe, ihn der Polizei zu übergeben. Ich selbst sei nur der Überbringer, ohne weitere Informationen preisgeben zu müssen. Ich verwies auf mein Zeugnisverweigerungsrecht.
Der Polizist sah mich skeptisch an, doch ich ließ mich nicht beirren. Hauptsache war, dass die ganze Geschichte für uns ohne Schaden endete.
Dennoch blieb die Frage offen, wo die große Menge an Koks geblieben ist?
Teil
Geld
Die Sprengung
Das Telefon vibrierte kaum merklich auf meinem Schreibtisch, als hätte es selbst Angst, die Stille im Büro zu durchbrechen. Ich nahm ab, ohne den Blick vom Monitor zu lösen. „Ja?“ Die Stimme meiner Chefredakteurin war ungewöhnlich angespannt. „Fahr bitte sofort zum Autobahnparkplatz Neufelder Heide an der A40. Dort steht ein brennender Sprinter mit gelbem Nummernschild.“ Ich richtete mich auf. „Brennend? Ist die Feuerwehr schon vor Ort?“ „Angeblich. Aber die ersten Meldungen sind … merkwürdig. Mehr weiß ich auch noch nicht. Fahr hin und bring mir alle Infos und Fotos, die du kriegen kannst.“ Ein kurzes Klicken, dann war die Leitung tot.
Ich griff nach meiner Jacke, schnappte mir die Kamera und rannte die Treppe hinunter. Wenn ein Transporter mit niederländischem Nummernschild lichterloh brannte, war selten nur Technik schuld – und fast nie Zufall. Ich stieg in meinen Wagen, warf die Kamera auf den Beifahrersitz und fuhr zügig in Richtung Autobahn.
Die Dämmerung lag bereits über der Straße. Nach etwa zwanzig Minuten erreichte ich den Parkplatz. Schon aus der Ferne sah ich die hohen Flammen, die in den dunkler werdenden Himmel schlugen. Die Zufahrt war großräumig abgesperrt. Ein Polizist hob warnend die Hand. Ich deutete auf das Presseschild hinter der Windschutzscheibe und zeigte ihm meinen Ausweis. Er musterte ihn kurz, nickte und bedeutete mir, scharf rechts auf den Grünstreifen zu fahren und dort anzuhalten. Ich tat, wie geheißen. Die Feuerwehr war bereits dabei, den brennenden Sprinter zu löschen. Das gelbe Nummernschild war kaum noch zu erkennen; von der Front blieb nur ein verkohltes Gerippe. Ich fragte nach dem zuständigen Beamten. Der Beamte kam direkt auf mich zu, musterte mich kurz, blickte auf meinen Ausweis und erklärte, er sei Kommissar Peters und dass man eingetroffen sei, als der Wagen bereits lichterloh brannte. Schon aus mehreren Metern Entfernung sei ein deutlicher Benzingeruch wahrnehmbar gewesen. Für die Polizei deutete das klar auf Brandstiftung hin – offenbar hatte jemand versucht, das Fahrzeug unkenntlich zu machen, um mögliche Spuren eines Verbrechens zu vernichten. Ich fragte, ob der Benzingeruch nicht auch vom Tank stammen könnte. Doch der Polizist winkte ab. Der Tank sei bislang nicht explodiert, und der Geruch komme eindeutig nicht von dort. Außerdem, so erklärte er, habe die Zentrale gemeldet, dass zwei Stunden zuvor in Krefeld ein Geldautomat gesprengt worden sei. Die Geschichte schien auf den ersten Blick eine eindeutige Richtung zu nehmen.
Ich ging einige Meter weiter und entdeckte vier LKW-Fahrer, die zusammenstanden und sich leise unterhielten. Ich trat zu ihnen und fragte, ob jemand etwas gesehen habe: wie der Brand entstanden sei, ob sich Personen am Sprinter aufgehalten hätten oder ob sie beobachtet hätten, dass jemand Feuer gelegt habe oder mit einem weiteren Fahrzeug geflohen sei. Einer der Fahrer berichtete, er habe von seinem Fahrersitz aus gesehen, wie zwei Männer um den Sprinter herumgelaufen seien. Sie hätten einen Kanister dabeigehabt und eine Flüssigkeit ausgegossen. Zunächst habe er sich keinen Reim darauf gemacht; er habe gedacht, der Fahrer brauche vielleicht Wasser für den Kühler oder wollte irgendetwas säubern. Ein anderer LKW-Fahrer ergänzte, er habe gesehen, wie die beiden Männer das Fahrzeug angezündet hätten. Anschließend seien sie zu einem Sportwagen gelaufen, der offenbar auf sie gewartet habe, der Motor habe schon länger gelaufen. Der Wagen sei dann mit hoher Geschwindigkeit auf die Autobahn gedonnert. Wenn er sich richtig erinnere, sei es ein rotes Auto mit gelbem Kennzeichen gewesen. Die beiden anderen Fahrer aus der Gruppe hatten nichts Auffälliges bemerkt.
Ich ging zurück zum Polizisten und fragte, ob eine Verbindung zwischen dem brennenden Sprinter hier auf dem Parkplatz und dem gesprengten Geldautomaten in Krefeld vermutet werde. Er sagte, man könne dazu noch nichts Sicheres sagen. Die Befragungen am Tatort in Krefeld liefen noch, vielleicht gebe es dort weitere Zeugen. Die Ermittlungen seien in beiden Fällen im Gange. Man habe jedenfalls die niederländischen Kollegen an der Grenze bei Venlo und in den umliegenden Orten informiert. Besonders Fahrzeuge – insbesondere Sportwagen – mit gelbem Kennzeichen würden nun verstärkt kontrolliert. Ich informierte gleich meine Chefredakteurin über die bisherige Recherche und dass es wahrscheinlich einen Zusammenhang mit der Sprengung des Geldautomaten in der Krefelder Innenstadt geben kann. Ich werde jedenfalls die Sache weiterhin bei der Polizei recherchieren.
Erste Ermittlungen
Am nächsten Tag wandte ich mich an den Pressesprecher der Krefelder Polizei um heraus zu finden, ob es von Seiten der niederländischen Polizei neue Informationen geben würde. Der Polizeisprecher sagte mir: "Die niederländischen Kollegen aus Venlo haben den roten Sportwagen auf der Autobahn A 40 in Venlo gesehen und haben das Fahrzeug einige Kilometer verfolgt. „Das Auto hat sich mit hoher Geschwindigkeit in einer Rechtskurve überschlagen. Beide Insassen haben den Unfall nicht überlebt. Es ist im Fahrzeug allerdings kein Geld gefunden worden. Man habe jedoch zwei Kilo Kokain im Fahrzeug sichergestellt". Ich fragte ihn: "Kann es dennoch einen Zusammenhang zwischen dem gesprengten Geldautomaten und dem brennenden Sprinter auf dem Parkplatz der Neufelder Heide geben und wieviel Geld im Geldautomaten gewesen sei? Kann es sein, dass es noch einen weiteren Mittäter geben kann?" Daraufhin erklärte der Sprecher: "Es wird in alle Richtungen ermittelt, auch auf Seiten der niederländischen Polizei. Interessant wäre auch zu wissen, welchem Clan der Sportwagen zuzurechnen ist." Mehr konnte oder wollte er wohl nicht sagen.
Auf meine weiteren Fragen antwortete der Polizeisprecher ausweichend, dass es bei der Polizei auch interne Ermittlungen geben würde, da es möglicherweise einige Unstimmigkeiten geben würde. Aber das sei nur eine vage Vermutung. Ich fragte nach, ob sich die Ermittlungen auf die niederländische Polizei oder auf die deutsche Polizei beziehen würden. Aber darauf wollte man mir keine weitere Auskunft geben. Jedenfalls sollte ich das nicht in die Zeitung geben. Ich versprach es.
Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und formulierte das bisher recherchierte am PC. Natürlich habe ich die Information hinsichtlich der möglichen internen Ermittlungen weggelassen. Am nächsten Tag klingelte es an meiner Haustür, vor mir stand Kommissar Peters. Er wolle kurz mit mir über meine bisher gemachten Erkenntnisse sprechen und eventuell einige Fakten austauschen. Ich sagte ihm, dass er doch mehr wissen müsste als ich, da ich meine Informationen doch alle von ihm und vom Pressesprecher der Polizei hätte. Er meinte, dass er das so sehen würde, dass ein Zusammenhang zwischen dem Geldautomaten und dem brennenden Auto nicht unbedingt bestehen müsste. Er vermute, dass man den Sprinter wegen eines möglichen Versicherungsbetrugs angezündet hätte. Ich fragte ihn, wie er die Tatsache einschätzen würde, warum man in dem roten Sportwagen kein Geld gefunden hätte, denn es sei doch wahrscheinlich der selbe rote Sportwagen gewesen, den auch die niederländische Polizei verfolgt hätte und der sich dann überschlagen hat? Er meinte nur, dass es ein Rätsel wäre, wo das Geld geblieben sein könnte.
Mit diesen Erkenntnissen wandte ich mich dann an die niederländische Polizei in Venlo. Ich wollte in Erfahrung bringen, ob die Insassen des roten Sportwagens dem marokkanischen Clan zuzurechnen wären, die wohl dafür bekannt seien, dass sie immer wieder in Deutschland als Täter für die Sprengung von Geldautomaten infrage kämen. Mir wurde berichtet, dass man im Fahrzeug lediglich zwei Kilo Kokain gefunden hätte, mehr könne man mir dazu nicht sagen. Das Fahrzeug hätte ein gefälschtes Nummernschild gehabt und wer die Insassen des Fahrzeugs wären, müsste noch ermittelt werden. Insgesamt erschien mir die ganz Geschichte sehr dubios und so richtig konnte ich daraus auch keinen weiteren Artikel formulieren.
Nur, wo ist das Geld geblieben? Das ist die Frage! Also muss es noch einen weiteren Täter geben, der bisher nicht in Erscheinung getreten ist?
Ich fragte noch einmal beim Polizeisprecher nach, ob man die Personalien der LKW-Fahrer auf dem Parkplatz Neufelder Heide aufgenommen hätte? Ob es denn sein kann, dass einer der vier Fahrer nicht die Wahrheit gesagt hätte? Und ob tatsächlich alle vier auch LKW-Fahrer gewesen wären? Denn meine Vermutung wäre, dass es in der ganzen Geschichte noch einen weiteren Täter geben muss, der eventuell das Geld aus dem gesprengten Geldautomaten an sich genommen hat. Der Beamte erklärte lediglich, dass man in alle Richtungen ermitteln würde. Aber derzeit können man keine weiteren Informationen an die Presse weiter geben. Mir wurde klar, dass ich so nicht weiter kam.
Die Informationsquellen waren irgendwie erschöpft oder man wollte mir nicht alles mitteilen. Ich musste meine Quellen erweitern.
Europol
Ich schrieb eine Email an Europol in Den Haag, Niederlande (Europol unterstützt die Mitgliedsstaaten bei der Bekämpfung internationaler und organisierter Kriminalität): "Goededag, ik ben journalist en doe onderzoek naar bendecriminaliteit in Duitsland, met name bomaanslagen op geldautomaten. Kunt u mij meer informatie geven?" Schon nach etwa zwei Stunden erhielt ich eine Antwort: "Guten Tag, Sie können mit mir auf Deutsch kommunizieren, wie arbeiten bekanntlich für alle Länder in Europa und sprechen deswegen alle Sprachen. Ich kann Ihnen jedoch per Email keine Fragen beantworten, Sie müssen dafür zu mir nach Den Haag kommen. Das ist sicherer.
Ich telefonierte mit meiner Chefsredakteurin: "Astrid, ich bin da einer Geschichte auf der Spur, die so um Einiges über das hinaus geht, was ich dir bereits erzählt und geschrieben habe. Ich habe mit Europol in Den Haag Kontakt aufgenommen. Der dortige Kommissar ist bereit mir ein Interview zu geben. Ich denke, dass ich auf diesem Weg mehr erfahren kann, was mit der Sprengung des Geldautomaten in Krefeld und in Deutschland überhaupt zu tun hat. Ich gehe auch davon aus, dass die ganze Sache etwas mit dem brennenden Sprinter auf dem Autobahnparkplatz zu tun hat. Auch gibt es einige Ungereimtheiten mit der Polizei, entweder in den Niederlanden oder in Deutschland. Gibst du mir ein Okay für ein oder zwei Tage Den Haag für Spesen etc.?". Sie willigte spontan ein. Ich telefonierte direkt mit der Zentrale von Europol und machte gleich einen Termin mit dem zuständigen Kommissar für den übernächsten Tag.
In den Haag angekommen war ich wieder einmal beeindruckt von der Schönheit und den klassischen, typischen Gebäuden der niederländischen Städte.
Ich erreichte das Gebäude von Europol, ein sehr martialischer Anblick, eher einem Bunker mit Fenstern ähnlich. Ich war davon recht beeindruckt. Ich betrat das Gebäude und stand zuerst einmal vor einer Schleusentür. Eine Stimme über einen Lautsprecher fragte mich, ob ich einen Termin hätte und wenn ja mit wem. Ich antwortete: "Termin mit Herrn Kommissar Van Veen". Es öffnete sich eine Schublade, in der ich metallene Gegenstände hinein legen sollte. Dann konnte ich einige Meter weiter gehen und wurde anscheinend von einem Gerät gescannt. Danach erschien eine weibliche Person und fragte mich nach meinem Namen und meinem Grund des Besuchs. Ich antwortete entsprechend. Dann wurde ich eine Etage höher begleitet und die Dame gab einen Personalcode in das entsprechende Gerät ein. Die Tür öffnete sich und der Kommissar kam mir entgegen und reichte mir die Hand. "Van Veen", sagte er kurz. Ich grüßte ebenfalls und zeigte mich beeindruckt über die Sicherheitsvorkehrungen. So gingen wir in sein Büro, das schlicht und funktional ausgestattet war.
Er kam sofort zum Thema: "Die Banken treffen schon seit Jahren erhebliche Sicherheitsvorkehrungen, um den vielen Automatensprengungen etwas dagegen halten zu können. Aber all das ist tatsächlich nicht ausreichend. All die technischen, baulichen und organisatorischen Maßnahmen, wie Einfärbesysteme (des Geldes), Alarmanlagen, Videoüberwachung, Nebeltechnik, Betonpavillions haben die Sprengungen von Geldautomaten nicht aufhalten können. Es gibt da einige Schwachpunkte", sagte er zögerlich und nachdenklich. "In allen Ländern, in denen in den letzten zwei Jahren Sprengungen stattgefunden haben, wurden erstaunlicherweise immer nur die Automaten angegriffen, die noch den alten Standard hatten, also mit den gerade genannten Sicherheitsmöglichkeiten noch nicht ausgestattet waren. Deswegen haben wir eine klare Vermutung. Es muss im gesamten Bankensystem Schwachstellen geben. Wir haben die Banken bereits darauf hingewiesen und sie meinten, dass man da nacharbeiten wolle. Wir haben es aber auch noch mit einem anderen Problem zu tun. Es geht bei dem gesamten Spiel um viel Geld. Wir ermitteln in diverse Richtungen. Zum einen überprüfen wir die Mitarbeiter, die darüber Bescheid wissen, welche Automaten noch nach dem alten Stand aufgestellt sind. Und zum anderen müssen wir davon ausgehen, dass es auch Polizeibeamte gibt, die in diesem kriminellen System mitspielen." Ich war sehr beeindruckt von der Offenheit des Kommissars und stellte meine Fragen: "Ist bekannt, wie viele Automaten noch auf dem alten Stand sind? Gibt es Regionen, wo die Sprengungen noch besonders häufig vorkommen? Und wie sieht es mit den kriminellen Banden in Deutschland und den Niederlanden aus? Gibt es Erkenntnisse, welche Clans dahinter stecken? Man spricht bekanntlich immer wieder von marokkanischen Clans, aber wenn man die Nationalitäten doch kennt, sollte man die Täter doch irgendwie ausfindig machen können. Irgendwo hinterlassen die Täter doch immer wieder Spuren? Wie ist da auch die Verzweigung zu Mittätern in Banken und Polizeibehörden?"
Van Veen schaute recht erstaunt und meinte "Sie sehen das Problem schon recht sachlich. Eigentlich kann man die Banden nicht eindeutig gewissen Nationalitäten zuordnen. Obwohl es gewisse Häufigkeiten gibt. Die Täter sind gut organisiert und werden anscheinend für jeden Coup neu zusammengestellt. Haben wir z.B. einmal Fingerabdrücke von Jemanden gefunden, sind die Leute auch schon nicht mehr zu finden und tauchen unter, wie z. B. nach Marokko oder so. Und wenn wir einmal einen Täter tatsächlich gefasst haben, schweigt dieser trotz aller Strafandrohungen. Denn sie wissen, dass ihre Angehörigen von den Clanbossen finanziell unterstützt werden, wenn sie keinerlei Aussagen machen. Und so ist das System aufgebaut. Sie kennen sich alle viele Jahre untereinander und deshalb ist es kaum möglich einen verdeckten Ermittler in diese Szene unter zu bringen. Die Verbindungen zu korrupten Bankenmitarbeitern und einzelnen Polizisten sind ebenso nahezu unmöglich aufzudecken. Es ist in der Regel kaum jemanden nachzuweisen, dass er einzelnen Informationen an die Banden weiter gegeben hat, oder dass Beweismaterial plötzlich verschwunden ist. Das sind die Probleme, mit denen wir täglich zu tun haben." "Ich möchte jetzt auf den Fall in Krefeld zu sprechen kommen", sagte ich einwerfend. "Sie kennen doch diese Geschichte, dass ein Automat gesprengt wurde, die Täter mit dem roten Sportwagen geflüchtet sind, haben sich dann mit dem Fahrzeug überschlagen und sind dabei verstorben. Die niederländischen Beamten haben jedoch außer dem Kokain kein Geld gefunden. Wer waren die Täter? Sind sie einem bestimmten Clan zuzuordnen? Oder gibt es Anhaltspunkte, dass vielleicht ein deutscher Polizist dabei seine Hände im Spiel hat?".
Van Veen antwortete in ruhigem, sachlichen Ton "Der Fall in Krefeld ist in der Tat sehr mysteriös. In der Regel haben die Täter auf der Flucht das Automatengeld bei sich. In Krefeld muss es eine Übergabe des Geldes gegeben habe, bevor der Sprinter abgefackelt wurde und die Täter mit dem Sportwagen geflüchtet sind. Wir überprüfen nun im Detail die Aussagen der LKW-Fahrer und der Polizisten. Wobei wir bereits im Vorfeld der Ermittlungen festgestellt haben, dass einer der sogenannten LKW-Fahrer keinen LKW besaß und wohl irgendwie dazu gekommen ist. In wie weit dieser Mensch in der Sache verwickelt sein kann, überprüft derzeit die Krefelder Polizei." Dazu könne er aus ermittlungstaktischen Gründen keine weiteren Informationen geben.
Ich bedankte mich bei Van Veen für das ausführliche Gespräch, auch wenn ich den Eindruckt hatte, dass ich ohne neue Erkenntnisse über die Geschichte in Krefeld in die Redaktion zurückkommen werde. Letztendlich wurden nur meine Vermutungen bestätigt, aber viel konnte ich mit diesen Informationen nicht wirklich anfangen. In Krefeld angekommen, setzte ich mich an meinen Schreibtisch und notierte in den PC meine Gesprächsergebnisse, die ich dann zu einem Artikel formulierte, auch wenn ich damit nicht so ganz zufrieden war. Aber hätte ich tatsächlich mehr erwarten können?
Pressesprecher der Polizei
Irgendetwas musste ich jetzt meiner Chefredakteurin mitteilen und als Artikel vorlegen. Ich ging dabei noch einmal auf den vorherigen Artikel mit der Sprengung des Geldautomaten und dem brennenden Sprinter ein und kam dann auf die Informationen von Van Veen zu sprechen. Aber so insgesamt war ich mit meiner Arbeit mehr als unzufrieden. Da musste noch etwas kommen. Da war noch der vierte LKW-Fahrer und der Polizist. Was haben die Ermittlungen ergeben? Was haben im Detail die LKW-Fahrer ausgesagt und vor allem der vierte Mann, der kein LKW-Fahrer war. Und hat es im Bankgebäude des Geldautomaten noch irgendwelche Spuren gegeben oder auf dem Autobahnparkplatz?
Ich wandte mich für die weiteren Informationen an den Pressesprecher der Krefelder Polizei. "Guten Tag, ich schreibe einen weiteren Artikel über die Sprengung des Geldautomaten und dem Sprinter. Ich habe mich aufgrund der Tatsache, dass der rote Sportwagen wie auch der Sprinter ein gelbes Nummernschild haben, an Europol in Den Haag gewandt. Dort bekam ich einige Informationen über die möglichen Hintergründe der Tat. Es würde mich noch interessieren, was die LKW-Fahrer ausgesagt haben und ob die Täter irgendwelche Spuren hinterlassen haben? Außerdem besteht die Frage, wo das Geld aus dem Einbruch geblieben ist? Und vor allem, wie viel Geld waren im Geldautomaten?" Der Polizeisprecher zeigte sich nicht gerade sehr erfreut, dass ich bereits mit Europol gesprochen hatte. Außerdem erklärte er mit holprigen Sätzen, dass die Ermittlungen noch laufen würden und er mir nur wenig mehr dazu sagen könnte. Aufgrund der Zerstörung der Bankvorhalle mit dem Geldautomaten konnten keine brauchbaren Spuren festgestellt werden. Das, was die LKW-Fahrer mir bereits gesagt hätten, wäre auch das, was sie der Polizei ausgesagt hätten. Der vierte Mann bei den Fahrern war nur zufällig auf dem Parkplatz gewesen, hätte aber nichts gesehen. Der rote Sportwagen hatte ein gefälschtes Nummernschild. Der Wagen hatte sich auf der Flucht bei Venlo überschlagen, die Insassen sind dabei verstorben, es wurden allerdings zwei Kilo Kokain gefunden. Im Geldautomaten waren zum Zeitpunkt der Sprengung rd. 58.000 Euro. Mehr könne er mir zum derzeitigen Stand der Dinge nicht sagen.
Überlegungen
Auch das war jetzt gerade nicht sehr ergiebig. Es sieht wohl so aus, dass alles im Sande verläuft. Könnte das Kokain noch eine Spur sein? Oder der Sportwagen? Oder der Kommissar Peters auf dem Parkplatz?
Aber die eigentliche Frage ist doch: Woher wissen die Täter, welche Automaten sich für Sprengungen eignen könnten? Welche Automaten sind noch nicht auf dem aktuellen technischen Sicherheitsstandard? Wer könnte das wissen?
Bundesverband deutscher Banken, Berlin
Ich schrieb eine Email an die Pressestelle des Bundesverbandes deutscher Banken in Berlin „Guten Tag, ich interessiere mich für den aktuellen Stand der Sicherheitsvorkehrungen der Geldautomaten in Deutschland. Können Sie mir bitte mitteilen, wie groß der Anteil der Geldautomaten ist, der noch nicht auf den neuesten aktuellen Sicherheitsstandard ist? Wie viele Firmen sind damit beauftragt, die Geldautomaten mit den Sicherheitsvorkehrungen auszustatten? Können Sie mir bitte die Unternehmen nennen?“.
Die Antwort kam gleich zwei Stunden später: „Guten Tag, mein Name ist Müller. Ich bin der Pressesprecher. In Deutschland sind nur noch wenige Geldautomaten nicht auf dem neuesten Stand der Sicherheitstechnik. Die Firmen, die die Geldautomaten mit der neuesten Technik ausstatten, kann ich Ihnen leider nicht benennen. Mehr kann ich Ihnen dazu nicht mitteilen. Ich bitte um Verständnis“.
Sicherheitstechnik
Ich recherchierte darauf hin im Internet, welche Firmen sich mit dieser Sicherheitstechnik befassen. Als erstes viel dabei die Firma Secure auf. Zu lesen war bereits auf der Internetseite: Sicherheitslösungen für Banken und Sparkassen. Modernste Technik für Ihre Sicherheit. Also wandte ich mich mit einer Email direkt an die Geschäftsleitung: „Guten Tag, Ich schreibe einen Bericht über den Sicherheitsstand der Banken und Sparkassen in Deutschland. Meine Fragen sind: Wie viele Geldautomaten gibt es in Deutschland und wie viele davon sind auf dem neuesten technischen Sicherheitsstandard? Und wie groß ist Ihr Anteil an den noch abzuwickelnden Aufträgen?“
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Guten Tag, Die Anzahl an Geldautomaten liegt derzeit bei rd. 50.000 und ist insgesamt leicht rückläufig. Die Ausstattung der Geldautomaten mit Sicherheitsmaßnahmen hängt vom jeweiligen Automaten und dem Standort ab. Die Sprengungen mit festen Explosivsprengstoffen nimmt dabei immer mehr zu. Wir werden von den Banken und Sparkassen immer nur mit einzelnen Aufträgen bedacht, keine Sicherheitsfirma weiß im Vorfeld genau, wann und wo welche Automaten neu ausgestattet werden sollen.“
Ich fasste zusammen: Nur die jeweilige Bank oder Sparkasse, weiß, welcher Geldautomat nicht auf dem aktuellsten technischen Standard ist. Die Informationsquelle für die Banden ist also eher dort zu finden.
Whistleblower
Am gleichen Tag erhielt ich einen Anruf von einem Unbekannten, der auch seinen Namen nicht nennen wollte und der mir anbot, mich zu treffen, um mir einige Informationen über die Auftragsvergabe bei Sicherheitsvorkehrungen von Geldautomaten zu geben. Er wolle keinen Kontakt mit der Polizei und wollte, dass alles, was er mir berichten könne, vollkommen anonym von mir behandelt würde. Ich sagte dem zu und er könne sich auch vollkommen darauf verlassen und gegenüber der Polizei wäre ich zu keiner Nennung von Informanten gezwungen, da ich mich immer auf mein Zeugnisverweigerungsrecht berufen könnte.
Er wolle mich in Krefeld Uerdingen unterhalb der Rheinbrücke treffen, und zwar am nächsten Tag um 15 h. Ich soll unbedingt alleine kommen und mit niemanden darüber sprechen.
Ich war pünktlich um 15 h dort. Ich wartete fast eine halbe Stunde und schaute mich immer wieder um bis jemand in meine Richtung kam. Ein Mann, etwa Mitte 50, dunkel gekleidet, kam auf mich zu und sprach etwas nervös und stotternd: „Ich habe von einem früheren Kollegen gehört, dass Sie einen Bericht schreiben über die Sprengungen von Geldautomaten. Ich kann Ihnen eventuell einiges darüber erzählen. Aber es muss klar sein, dass ich Sie nie wirklich getroffen habe. Sie haben doch kein Handy oder anderes Aufnahmegerät dabei?“
Ich sagte ihm nochmals zu, dass mich als Journalist niemand dazu zwingen könnte, meine Informationsquellen zu benennen.
Er fuhr genauso stotternd und zögerlich fort: „Ich war bis vor vier Wochen Mitarbeiter bei einer Sicherheitsfirma, die Geldautomaten mit neuer Sicherheitstechnik ausstattet. Ich will ehrlich sein, in meinem Schreibtisch hat die Reinigungsfrau zufällig eine Wodkaflasche gefunden und das gleich meinem Chef gesagt. Daraufhin musste ich sofort meinen Arbeitsplatz verlassen. Mir wurde fristlos gekündigt. Ich weiß, wie die Dinge so laufen mit den Geldautomaten und woher die Täter das wissen können welche Automaten noch nicht auf dem neuesten Stand sind. Ich möchte auch kein Geld für meine Auskunft von Ihnen haben. Ich muss nur sicher sein, dass niemand etwas über mich erfährt.“
Ich sicherte ihm nochmals zu, dass jegliches Wort, das er mit erzählt, unter uns bleiben wird. Dabei schaute er sich immer wieder um, wohl ob nicht doch noch jemand in der Nähe sein könnte, der das Gespräch beobachtet.
„Ich war 14 Jahre bei der Firma, die die Geldautomaten mit neuester Sicherheitstechnik ausstattet. Ich war zuständig für die Planung und Realisierung der Arbeiten.“
Der Mann räusperte sich immer wieder und hatte leichte Zuckungen im Gesicht und sprach dann weiter: „Das lief dann so ab: Wir bekamen einen Auftrag von der Bank, dass die Geldautomaten in den Orten soundso mit unserer Technik ausgestattet werden sollen. Der Auftrag sollte dann innerhalb von sechs Monaten ausgeführt sein“. Er stockte wieder und schien nach Worten zu suchen. „Nur mein Chef und ich wussten, wann und wo welcher Automat in Arbeit gehen sollte. Aber es gab einen Kollegen, der immer wieder Überstunden gemacht hat. Er hatte die Auftragsordner durchgesehen und wohl Notizen gemacht. Anfänglich hatte ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Aber einmal habe ich ihn dabei überrascht. Am nächsten Tag, kam er zu mir und sagte, dass er da nur einige Termine überprüfen wollte. Mir kam das jedoch seltsam vor, dass er auch in die anderen Ordner schaute, die eigentlich nur dem Chef zugängig sein sollten. Ich sollte darüber Stillschweigen halten. Und da er wusste, dass ich ein Alkoholproblem habe, sagte ich zu. Später am Mittagstisch sagte er mir, dass er mir etwas erzählen müsste, aber das könnte er mir nur außerhalb der Firma sagen. So gingen wir am nächsten Tag nach der Arbeit in ein Café und er sprach davon, dass sich andere Leute für unsere Termine interessieren. Mehr wollte er dazu nicht sagen. Aber damit ich darüber schweigen sollte, bot er mir monatlich einen Betrag von 200 Euro an. Auch würde er niemandem sagen, dass ich ein Alkoholproblem habe. Ich habe das dann natürlich akzeptiert, da ich auch meinen Job behalten wollte.“
Ich fragte nach: „Haben Sie eine Vorstellung davon, wen der frühere Kollege von den Terminen erzählt haben könnte? Haben Sie einmal mitbekommen, mit wem der Kollegen außerhalb der Firma darüber gesprochen haben könnte? Haben Sie zufällig mitbekommen, ob der Kollege auch mit Leuten im Ausland telefoniert hat oder haben Sie sonst einen Hinweis in diese Richtung?“
Er überlegte einen Moment und zeigte sich noch offener in seinen Ausführungen: „Ich habe einmal nach Feierabend beobachtet, dass der Kollege in einen roten Sportwagen stieg, der ein gelbes Nummernschild hatte. Er sagte dazu am nächsten Tag, dass ihn ein Cousin aus Venlo zu einer Familienfeier abgeholt hätte“. Er räusperte sich wieder, hustete sehr stark und zog dann hastig an seiner Zigarette. Wir kennen immer jedes Detail an den Geldautomaten, wie sie technisch funktionieren und wo ihre Schwachpunkte sind. Das hatte der Kollege wohl immer so weiter gegeben, vermutlich an den Fahrer des roten Sportwagens. Klar, habe ich mir schon so meine Gedanken dazu gemacht. Aber da waren die 200 Euro jeden Monat und die Gewissheit, dass der Kollege nichts über mein Alkoholproblem sagt.“ Ich kam dann auch auf die Sprengung des Automaten in Krefeld zu sprechen. „Ja!“, sagte er. „Auch dieser Geldautomat sollte in Kürze mit neuer Sicherheitstechnik ausgestattet werden“.
Natürlich wollte ich mit ihm in Verbindung bleiben und wir einigten uns darauf, dass er mich in etwa einer Woche noch einmal anruft und wir einen zweiten Termin machen.
Nun war ich ein erhebliches Stück weiter gekommen. Aber für meinen Artikel war das jetzt noch nicht umsetzbar. Mir wurde bewusst, dass ich noch tiefer in die Sache einsteigen musste, um wirklich einen umfangreichen Artikel schreiben zu können.
Ich informierte Astrid, meine Chefredakteurin: „Astrid, ich weiß jetzt einiges mehr über die ganze Sache. Aber ich muss noch weiter recherchieren und wahrscheinlich noch einmal nach Den Haag zu Europol. Gibst du mir dein OK dafür?“.
Zeugenschutzprogramm
Ich machte kurz einen Termin bei Van Veen bei Europol und fuhr gleich am nächsten Tag nach Den Haag.
Van Veen empfing mich sofort und fragte gleich nach dem Stand meiner Recherchen. Ich erzählte ihm, was ich durch den Whistleblower erfahren habe. Er war sehr beeindruckt und wollte alles bis ins Detail erfahren. Dann sagte er mit ruhigen und ernsten Worten: „Sie sind da auf eine tolle Spur gekommen, die wohl für Sie unter Umständen recht gefährlich werden kann. Sie sollten die weitere Vorgehensweise der Polizei bzw. uns, der Europol, überlassen“.
„Der Whistleblower hat von mir die Zusage bekommen, dass ich seine Identität nicht preisgeben soll. Außerdem habe ich von ihm keine Kontaktdaten und er wird mich in etwa einer Woche noch einmal ansprechen, um einen weiteren Termin zu vereinbaren, falls ich noch irgendwelche Fragen habe.“
Van Veen sagte mir zu, dass dem Whistleblower keinerlei Strafe drohen würde. Zwar wäre es strafbar, die Polizei nicht sofort von seinem Wissen informiert zu haben, aber letztendlich ginge er in der ganzen Sache straffrei aus. Ich sollte nun auf jeden Fall mit dem Whistleblower einen Termin ausmachen. Ich soll ihn darüber informieren, dass er in jedem Fall straffrei bei der Sache herauskommt. Außerdem käme er in ein Zeugenschutzprogramm. Europol würde ihm zum Schutz die Möglichkeit geben, dass er sich mit einer neuen Identität in einem Land seiner Wahl neu etablieren kann. Er bekäme einen neuen Pass und aus dem Budget des Zeugenschutzprogramms bekäme er eine stattliche Summe für seine neue Existenz.
Tage später rief mich der Whistleblower wieder an. Wir vereinbarten gleich einen Termin für denselben Treffpunkt.
Ich sah ihn von weitem kommen, er ging noch schlaksiger als beim ersten Treffen und ich konnte gleich seine Schnapsfahne riechen.
„Hallo, gut dass Sie wieder gekommen sind. Ich habe einige Informationen für Sie. Aber erschrecken Sie sich nicht, wenn ich Ihnen berichte, dass ich bei Europol in Den Haag war. Europol ist sehr interessiert an Ihrer Geschichte“. Der Mann drehte sich um und wollte gleich wieder gehen. „Nun bleiben Sie doch stehen, es ist nur von Ihrem Vorteil. Ich habe Ihnen einiges zu sagen, dass wirklich für Sie von Vorteil ist. Hören Sie mir doch zuerst einmal zu“. Ich erzählte ihm von meinem Gespräch mit Van Veen und davon, dass er, wenn er dort alles aussagt, mit einer ordentlichen Abfindung und einer neuen Identität ausgestattet wird. Er schaute eher verzweifelt als dass ihm die ganze Sache geheuer sein könnte. Ich wiederholte noch einmal ganz ruhig alles, was Van Veen mir über die Möglichkeiten für den Whistleblower gesagt hatte“. Der Mann war immer noch recht irritiert über mein Angebot und fragte, wie denn die ganze Sache ablaufen würde? Ich sagte ihm, dass ich es ihm Detail nicht wüsste. Aber wenn er zusagt, dann würde ich mit ihm zu Europol fahren und wir würden alles besprechen. Und von da an, würde er bereits alle Vorzüge eines Whistleblowers erhalten können. Das bedeutet genauso für seine ganze Familie. Er antwortete darauf, dass er keine Familie hätte und alleine leben würde. Dann fragte er, ob er sich tatsächlich mit der neuen Identität wirklich irgendein Land in der Welt aussuchen könnte? Ich konnte das nur bejahen.
Nun wollte er sich die ganze Sache noch einmal Zuhause überlegen. Dann rief er mich bereits am nächsten Tag wieder an und meinte, dass er für Europol bereit wäre. Wann ich ihn denn abholen könnte? Ich telefonierte sofort mit Europol und avisierte noch für denselben Tag unser Kommen. Meine Chefredakteurin informierte ich nur kurz über meine Reise und wartete erst gar nicht ihr OK ab. Für mich war die ganze Geschichte an sich lohnenswert.
Der Whistleblower stand kurze Zeit später mit seinem Koffer an der Rheinbrücke. Er stieg ein und wir fuhren direkt nach Den Haag.
Van Veen empfing uns mit großen Augen und bat uns gleich in sein Büro. Er meinte zwar, dass ich von jetzt an außen vor bleiben müsste, aber noch könnte ich bei dem Gespräch dabei sein. Der Kommissar erklärte dem Mann, dass er von jetzt an nicht mehr in seine Wohnung gehen könnte, er hätte hier Polizeischutz. Er könne eine Liste von seinen Sachen machen, die er noch haben möchte, ansonsten würde er nicht mehr nach Krefeld können. Man hätte für Whistleblower so eine Art Hotel mit allen Annehmlichkeiten bis man die neue Identität festgelegt hätte und den neuen Platz für ihn gefunden hätte. Aber zuerst müsste er alles im Detail schildern, was er über die Geldautomatensprengungen wissen würde. Er müsse auch bedenken, dass er bisher Glück hatte, dass man ihn von Seiten der Mafia noch nicht „belästigt“ hätte. Eigentlich würde die Mafia alle Leute eliminieren, die in der Sache nichts zu tun haben. Jetzt wäre er in Sicherheit.
Der Whistleblower war von seinem neuen Lebensweg sehr angetan und sagte zu, alles aussagen zu wollen, was er wisse und auch Namen nennen würde. Dann fragte er nach einem Drink, es könne auch Wodka sein. Seinen Flachmann hatte er bereits auf der Fahrt nach Den Haag geleert.
Nun kam Van Veen auf mich zu sprechen. Er bedankte sich für meine Arbeit und dass ich für Europol wichtige Informationen gewonnen hätte. Er wolle mir später, das heißt in einigen Tagen noch einige Informationen zukommen lassen, die ich für meinen Artikel verwenden könnte. Ansonsten solle ich über die ganze Geschichte bis dahin Stillschweigen walten lassen, da ich mich sonst selber in Gefahr bringen würde.
Ich erhielt von Van Veen Tage später noch einige allgemeine Informationen für meinen Artikel und die Mitteilung, dass man den Kommissar Peters in Krefeld verhaftet hätte, man habe bei ihm die 58.000 Euro gefunden. Peters habe im Austausch den Niederländern die zwei Kilo Kokain gegeben, die man später im roten Sportwagen der Flüchtenden bei Venlo gefunden hat. Auch den Kollegen des Whistleblowers habe man verhaftet. Der vierte Mann bei den LKW- Fahrern war nur zufällig dazu gekommen. Über die Täter in den Niederlanden wollte mir Van Veen keine Informationen geben, da die Ermittlungen noch laufen und man auf die Aussagen des Kollegen des Whistleblowers angewiesen wäre.
Ich schrieb meinen Artikel fertig, auch wenn ich über die ganze Geschichte hätte eigentlich mehr schreiben können und wollen. Für die Redaktion hatte sich der ganze Aufwand nicht so sehr gelohnt. Indes konnte ich mich immer wieder an Europol wenden, wenn ich wieder einmal eine kriminelle Spur verfolge.
Der Whistleblower befand sich bereits auf dem Weg in die neue Freiheit.