Gesellschaftserzählung26 Min. Lesezeit

Heimat

Einführung lesen

Was bedeutet Heimat in einer Zeit, in der Herkunft, Zugehörigkeit und Identität wieder laut diskutiert werden?

In einer kleinen Stadt treffen sich alte Freunde regelmäßig in ihrer Stammkneipe. Was als beiläufiges Gespräch beginnt, entwickelt sich zu einer intensiven Auseinandersetzung über Migration, Geschichte, Verantwortung und die Frage, wer „dazugehört“ – und wer nicht.

Zwischen persönlichen Biografien, politischen Überzeugungen und historischen Erinnerungen geraten Freundschaften ins Wanken. Worte werden schärfer, Positionen unvereinbarer. Doch jenseits aller Parolen steht eine einfache, existenzielle Frage:

Ist Heimat ein Besitz – oder ein Versprechen?

„Heimat“ ist eine ruhige, dialoggetragene Erzählung über Identität, Angst, Zugehörigkeit und die Zerreißprobe einer Gesellschaft.

Freundschaft

„Heinz, bei uns im Haus ziehen schon wieder Türken ein. Das ist jetzt schon die zweite Familie. Und ständig hängt dieser Geruch von orientalischem Essen im Hausflur. Es ist kaum noch auszuhalten.“

Heinz bestellte derweil zwei Bier und nickte langsam.

„Ja, Willi, ich weiß. Bei uns im Kindergarten sind bald mehr Ausländerkinder als deutsche. Ich weiß nicht, wo das noch hinführen soll.“

„Heinz, auf der Arbeit gibt es jetzt in einer Abteilung auch schon einen marokkanischen Vorarbeiter. Der verschwindet zwischendurch auf die Toilette und wäscht sich – sogar die Füße. Und man darf ihn nicht ansprechen, weil das, wie er sagt, eine religiöse Handlung ist. Wir sind doch hier nicht im Islam. Ich will aufs Klo gehen können, ohne dass da einer seine Rituale abhält.“

Er nahm einen tiefen Schluck.

„Das nimmt immer mehr überhand mit den Ausländern. Am Bahnhof stehen sie herum, statt arbeiten zu gehen. Vom Sozialamt kriegen sie so viel Unterstützung, dass es sich gar nicht lohnt, einen Job anzunehmen. Und wer bezahlt das alles? Wir. Unsere Steuergelder werden dafür rausgehauen. Das kann doch so nicht weitergehen. Im Stadtteil Hochberg gibt es eine Grundschule, da sind fast nur noch Ausländerkinder. Einige deutsche Familien sind schon weggezogen. Und in der Fußgängerzone reiht sich ein türkischer Laden an den nächsten.“

Die Fenster der Stammkneipe standen offen. Von draußen drang der warme Sommerabend herein, das Brummen der Autos, irgendwo das Klirren von Geschirr aus dem italienischen Restaurant gegenüber. Über dem Tresen hing der Geruch von Bier und altem Rauch, obwohl seit Jahren nicht mehr geraucht werden durfte. Die Fliegen kreisten träge um die Zapfanlage.

Ich saß zwei Tische weiter und tat so, als würde ich die Schlagzeilen der Zeitung lesen. In Wahrheit hörte ich jedes Wort.

Heinz schob ihm das Bier hin.

„So ist das, Willi. Und es kommen immer mehr. Unsere Heimat verändert sich. Lass uns noch ein Bier trinken.“

Draußen fuhr ein Motorrad vorbei. Für einen Moment war es still zwischen ihnen. Dann klirrten die Gläser.

Ich faltete die Zeitung zusammen. Heimat, dachte ich, ist ein großes Wort für einen kleinen Tresen.

Ich musste an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg denken, als Deutschland vor dem Wiederaufbau stand. Es wurden dringend Arbeitskräfte benötigt. Anwerber reisten nach Italien, Spanien und Jugoslawien, um Männer für Fabriken, Bergwerke und Baustellen zu gewinnen.

Viele blieben. Sie integrierten sich nach und nach, gründeten Familien, heirateten – auch deutsche Frauen, zumal viele Männer im Krieg gefallen waren. Ihre Kinder besuchten deutsche Schulen, manche studierten später sogar. Andere wiederum wurden wegen ihres fremden Aussehens gehänselt oder ausgegrenzt und kehrten mit ihren erworbenen Kenntnissen in ihre Herkunftsländer zurück.

Doch es gab während und nach dem Krieg noch eine andere Bewegung. Juden, denen die Flucht aus Deutschland gelungen war, bauten sich in den USA oder in Südamerika eine neue Existenz auf. Sie fanden dort Aufnahme und neue Perspektiven.

Gleichzeitig gelang es auch zahlreichen ehemaligen Nationalsozialisten, in diesen Regionen unterzutauchen und sich eine neue Heimat zu schaffen. Man hört bis heute Geschichten aus Nord- und Südamerika, wonach Nachfahren von Verfolgten und Verfolgern dort nebeneinander leben – oft, ohne voneinander zu wissen.

Wie widersprüchlich Menschen doch sind, dachte ich. Ein Mann mittleren Alters mit leicht ergrautem Haar betrat die Gastwirtschaft. Willi und Heinz blickten auf. Als er sich ihrem Tisch näherte, standen beide sofort auf und reichten ihm die Hand.

„Hallo, Björn. Schön, dass du noch Zeit gefunden hast, zu uns zu kommen. Wie war dein Auftritt in Gera?“

Björn lächelte knapp und klopfte Heinz auf die Schulter, bevor er sich setzte.

„Der Empfang war, wie zu erwarten. Vorne unsere politischen Freunde, die mich herzlich begrüßt haben. Und am Rand – wie immer – diese Demonstranten, die am liebsten ihr Multikulti hätten. Wenn meine Leute und die Polizei nicht dagewesen wären, wäre es schwierig geworden, überhaupt bis zur Bühne zu kommen.“

Er nahm einen Schluck von dem Bier, das Heinz ihm zuschob.

„Ich verstehe nicht, dass es immer noch so viele Deutsche gibt, die sich mit all dem zufriedengeben. Statt sich auf unsere Werte zu besinnen, lassen sie zu, dass sich alles verändert. Man muss doch nur durch die Fußgängerzone oder über den Bahnhof gehen. Das Stadtbild hat sich komplett gewandelt.“

Willi nickte eifrig.

„Wir haben gerade schon darüber gesprochen. Auf der Arbeit, in den Wohnhäusern, in den Schulen – überall das Gleiche. Und wir sollen das einfach hinnehmen. Sie bekommen Unterstützung, Wohnungen, alles. Und wir schauen zu.“

Björn verschränkte die Hände auf dem Tisch.

„In der Partei überlegen wir, wie wir das Schritt für Schritt ändern können. Wenn wir weiter Wahlen gewinnen, besetzen wir die entscheidenden Positionen mit unseren Leuten. Im Bundestag, im Landtag, im Europäischen Parlament. Wir müssen wieder Einfluss gewinnen – sonst bestimmen andere dauerhaft die Richtung.“

Er machte eine kurze Pause.

„Vor allem müssen wir diejenigen verdrängen, die diese Entwicklung politisch vorantreiben.“

Für einen Moment war nur das Klacken der Dartpfeile aus dem Nebenraum zu hören.

Willi drehte sich zum Tresen. „Drei Bier noch!“

Ich hob die Zeitung wieder an und tat so, als würde ich weiterlesen. In Wirklichkeit lauschte ich jedes Wort.

Während die drei redeten, dachte ich an die freundlichen Türken auf dem Wochenmarkt, die Obst und Gemüse verkaufen. An die ausländischen Handwerker, die wir dringend brauchen – auf dem Bau, in den Fabriken, bei den Paketdiensten, in Krankenhäusern oder bei der Müllabfuhr.

Ich dachte an Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Ghana, die ihre Heimat verlassen mussten, weil sie vor Krieg, Gewalt oder politischer Verfolgung geflohen waren. Viele von ihnen hatten alles zurückgelassen, was ihnen vertraut gewesen war.

Was würde aus Deutschland werden, wenn wir von einem Tag auf den anderen auf all diese Menschen verzichten müssten?

Ich senkte die Zeitung ein Stück und sah hinüber zu ihrem Tisch.

Als Kind bin ich oft mit meinen Eltern in die benachbarten Niederlande gefahren. Dort kauften wir Süßigkeiten und vor allem Kaffee – manches davon wurde auch über die Grenze geschmuggelt. Für mich war das ein kleines Abenteuer.

Schon damals fragte ich mich, warum es überhaupt Grenzen gibt. Wäre es nicht einfacher, wenn Menschen dorthin reisen könnten, wohin sie wollten?

Aus heutiger Sicht erscheint mir dieser Gedanke naiv. Und doch frage ich mich, ob Menschen sich nicht näherkommen würden, wenn weniger Linien auf Landkarten gezogen wären. Vielleicht entstünde mehr Verständnis füreinander.

Grenzen haben im Laufe der Geschichte immer wieder politische Gegensätze verfestigt. Aus Gegensätzen wurden Spannungen, aus Spannungen nicht selten offene Feindseligkeiten.

Ich strich mit dem Finger über den Rand der Zeitung und hörte, wie am Nebentisch wieder die Gläser klirrten.

Ein Mann mit arabischem Aussehen, schwarzem, krausem Haar und dunklen Bartstoppeln betrat die Gastwirtschaft. Ich erkannte ihn sofort. Mehmet.

Er sah mich, lächelte und kam direkt auf mich zu. Ich stand auf, und wir umarmten uns kurz.

„Mehmet, alter Freund. Wie laufen die Geschäfte? Trinken wir einen Kaffee zusammen?“

„Gerne“, sagte er. „Ich habe gerade eine neue Lieferung Obst und Gemüse aus der Türkei bekommen. Alles in Bioqualität. Einige meiner Lieferanten haben nach und nach auf Bio umgestellt.“

Vom Nachbartisch herüber spürte ich Blicke. Willi, Heinz und Björn sahen mit unverhohlener Neugier – oder war es Missbilligung? – zu uns hinüber.

Björn hob schließlich die Stimme. „Als ob es aus deutscher Herstellung kein Obst und Gemüse gäbe!“

Mehmet drehte sich leicht zu ihm, blieb jedoch ruhig.

„Doch, natürlich“, sagte er sachlich. „Ich führe auch Produkte aus regionalem Anbau. Aber eben nicht zu jeder Jahreszeit. Deshalb biete ich meinen Kunden beides an.“

Einen Moment lang war es still. Dann senkten die drei Männer den Blick, murmelten etwas Unverständliches in ihre Gläser hinein.

Ich setzte mich wieder.

Leise erzählte ich Mehmet von dem Gespräch, das ich eben noch mitangehört hatte. Während ich sprach, merkte ich, wie wir beide unwillkürlich leiser wurden – als müsse man Vernunft in dieser Kneipe flüstern.

Wir tranken unseren Kaffee schweigend. Am Nachbartisch wurde wieder gelacht, etwas zu laut, etwas zu gewollt.

Mehmet erzählte von neuen Lieferanten, von steigenden Transportkosten und davon, dass gute Ware immer ihren Weg finde – egal, woher sie komme. Ich hörte ihm zu und dachte, dass Freundschaft vielleicht genau das ist: ein Ort ohne Parolen.

Als wir uns verabschiedeten, klopfte er mir auf die Schulter.

„Bis morgen auf dem Markt“, sagte er.

Ich nickte.

Draußen lag noch immer die Wärme des Sommerabends über der Straße. Hinter mir klirrten erneut Biergläser.

Manchmal, dachte ich, entscheidet sich Heimat nicht an Grenzen, sondern daran, mit wem man am Tisch sitzt.

Partei

Zu Hause musste ich unwillkürlich an Björn aus der Kneipe denken.

Diese Gedanken kamen mir nicht neu vor. Seit dem Ende des Krieges hatte es immer wieder Parteien und Gruppierungen gegeben, die mit ähnlichen Parolen aufgetreten waren — laut, empört, überzeugt von einem vermeintlich bedrohten „Wir“. Manche wurden verboten, andere verschwanden mangels Zuspruchs in der politischen Bedeutungslosigkeit. Und doch schien sich nun wieder eine Schar von Gleichgesinnten um jemanden wie Björn zu sammeln. Menschen, die an einfachen Antworten festhielten, an völkischen Vorstellungen, die längst überwunden schienen.

Für mich war dieses „Deutschland den Deutschen“ nie mehr gewesen als ein gedankliches Konstrukt — gespeist aus Angst, Geschichtsvergessenheit oder bewusster Verdrängung. Die deutsche Geschichte war komplexer, widersprüchlicher, schmerzhafter, als es jede Parole ausdrücken konnte.

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch.

Vielleicht, dachte ich, sollte ich mich genauer mit dem beschäftigen, was Björn und seine Anhänger wirklich wollen.

Vier Wochen später saß ich im Auto auf dem Weg nach Gera. Ich hatte im Internet nachgesehen, wann Björn wieder auftreten würde. Nun wollte ich hören, wie er vor größerem Publikum sprach.

Die Halle war gut gefüllt. Fahnen, vereinzelter Applaus, gespannte Erwartung. Als Björn ans Rednerpult trat, wurde es still.

„Unser einst intaktes Deutschland“, begann er, „befindet sich in einer schleichenden Auflösung. Unsere Außengrenzen werden nicht ausreichend geschützt. Die Einwanderung – vor allem aus islamisch geprägten Ländern – ist außer Kontrolle geraten. Die innere Sicherheit kann vielerorts nicht mehr garantiert werden. Der Rechtsstaat verliert an Durchsetzungskraft.“

Beifall brandete auf.

„Unsere über Jahrhunderte gewachsene Kultur droht in einer multikulturellen Beliebigkeit unterzugehen. Einst stolze Städte verkommen zu Problemzonen. Kriminalität und Gewalt nehmen zu. Radikale Ideologien finden Raum.“

Er machte eine Pause, ließ den Blick durch die Halle schweifen.

„Der soziale Friede wird durch den Missbrauch unseres Solidarsystems gefährdet. Die Altparteien, unterstützt von Gewerkschaften, Kirchen und einer immer größer werdenden Sozialbürokratie, profitieren von dieser Politik. Währenddessen zahlen die hart arbeitenden Bürger die Zeche.“

Wieder Applaus.

„Wir aber“, rief er, „sind die Alternative zu dieser Entwicklung. Wir stehen für nationale Selbstbestimmung, für sichere Energieversorgung, für wirtschaftliche Vernunft. Der überstürzte Ausstieg aus Kohle und Kernenergie hat unsere Energiesicherheit geschwächt. Und wer profitiert davon? Andere Staaten. Nicht Deutschland.“

Die Menge erhob sich teilweise von den Sitzen. Ich blieb sitzen.

Björn hob erneut die Stimme, nun mit einem beinahe feierlichen Ton.

„Liebe Freunde, Deutsche und Russen verbindet mehr, als viele glauben. Unsere Völker sind geprägt von einer tiefen seelischen Kultur – von dem, was wir komponieren, denken und bauen können. Für viele Deutsche steht die russische Kultur für Sehnsucht und Wärme.“

Ein Teil des Publikums nickte zustimmend.

„Seit Jahrzehnten wird ein enges deutsch-russisches Verhältnis von außen verhindert. Noch sind wir machtlos, weil wir die Hebel der Macht nicht in Händen halten. Aber wir können heute ein Zeichen setzen.“

Er streckte den Arm leicht aus.

„Liebe russische Mitbürger, wir grüßen von hier aus das russische Volk. Wir wollen Frieden mit Russland. Wir wollen Frieden in der Welt.“

Applaus brandete auf.

„Die NATO ist immer weiter nach Osten ausgedehnt worden – bis an die Grenzen Russlands. Die Diskussion um eine mögliche NATO-Mitgliedschaft der Ukraine hat die Lage weiter verschärft. Es geht in diesem Konflikt nicht nur um Sicherheitspolitik, sondern auch um geopolitische Interessen, um Einfluss und um Rohstoffe.“

Er machte eine kurze Pause.

„Doch es geht auch um Wertefragen. Um das Bild von Familie. Um nationale Souveränität. Um die Frage, wie viel Einwanderung ein Land verträgt und wer darüber entscheidet.“

Die Menge klatschte, einige standen auf.

Ich beobachtete die Gesichter um mich herum. Manche wirkten überzeugt, andere suchten Halt im Applaus der Nachbarn.

Vor der Halle hatte sich eine Gruppe Gegendemonstranten versammelt. Einige trugen Schilder mit der Aufschrift „Faschist“. Immer wieder hallte es durch den Eingangsbereich:

„Du Faschist! Hau ab!“

Drinnen versuchte Björn, gegen die Geräuschkulisse anzureden.

„Wir müssen an den Leistungen unserer Vorfahren festhalten“, rief er. „An dem, was jedes Volk in seiner gewachsenen Ordnung ausmacht und bewahren muss.“

Beifall brandete auf. „Auf der anderen Seite steht ein Regenbogenimperium“, fuhr er fort, „dessen Fahnen inzwischen an Regierungsgebäuden, Parlamenten, Schulen und Universitäten wehen. Diese Politik fördert Masseneinwanderung und stellt unser historisches Erbe infrage.“

Zwischenrufe mischten sich unter den Applaus.

„Traditionelle Werte werden ausgehöhlt“, rief er weiter. „Familie, Identität, Zusammenhalt – all das wird relativiert.“

Nun war es ein Wechselspiel aus Zustimmung und Buhrufen. Einige standen auf und klatschten, andere schüttelten den Kopf. Von draußen drang erneut der Ruf „Faschist!“ in die Halle.

Ich sah mich um. Die Gesichter wirkten erhitzt, gespannt, aufgeladen. Manche schienen jedes Wort in sich aufzusaugen, andere blickten unruhig zur Tür.

Die Stimmung war nicht mehr nur politisch. Sie war elektrisch.

Björn hob beide Hände, als wolle er die Halle sammeln.

„Wenn ich mich entscheiden müsste“, rief er, „zwischen diesem Regenbogen-Imperium auf der einen Seite und einem traditionsbewussten Osten auf der anderen – dann wüsste ich, wo ich stehe!“

Lauter Applaus brandete auf, gemischt mit vereinzelten Buhrufen.

Er beugte sich über das Rednerpult.

„Wir kämpfen gemeinsam dafür, dass Deutschland wieder zu dem wird, was es einmal war. Es lebe unsere Heimat! Es lebe unser deutsches Vaterland!“

Ein Teil der Menge erhob sich. Fahnen wurden geschwenkt. Andere blieben sitzen, die Arme verschränkt.

Ich blieb ebenfalls sitzen.

Dieses Pathos verwunderte mich. Während er den Osten, vor allem Russland, in beinahe romantischen Tönen beschwor, hörte man von dort ganz andere Stimmen. Dort galt der Westen oft als Gegner, als moralisch verkommen oder politisch feindlich.

Wie passte das zusammen? War es Bewunderung? Projektion? Oder einfach nur die Suche nach einem Gegenbild zum eigenen Unbehagen?

Die Menge klatschte noch immer, doch in mir blieb eine eigentümliche Leere zurück. Aus der Menge heraus schallte es: „Bravo, Björn!“ Lauter Applaus brandete auf, klatschende Hände, zustimmende Rufe.

Doch aus den hinteren Reihen kam es wie ein Echo zurück: „Faschisten!“

Wieder und wieder.

Applaus und Protest überlagerten sich, bis beides kaum noch zu unterscheiden war. Zustimmung und Ablehnung standen sich im selben Raum gegenüber, nur wenige Meter voneinander entfernt.

Ich spürte, wie sich die Stimmung weiter aufheizte. Es war nicht nur eine politische Veranstaltung. Es war ein Riss, der durch den Saal ging.

Verfassungsschutz

Am nächsten Morgen ließ mich die Veranstaltung nicht los. Die Bilder aus der Halle, die Rufe, das Pathos – alles wirkte noch nach.

Ich fragte mich, wie der Staat auf solche Bewegungen blickte. Ab wann wird aus politischer Zuspitzung eine Gefahr für die freiheitliche Ordnung? Und wer entscheidet das?

Wieder saß ich vor dem Bildschirm.

Ich begann, Berichte des Verfassungsschutzes zu lesen. Jahresberichte, Einschätzungen, Einstufungen. Dort war nüchtern formuliert, was ich am Vorabend emotional aufgeladen erlebt hatte: Beobachtungsobjekte, Verdachtsfälle, gesicherte extremistische Bestrebungen. Begriffe, die in Behördenräumen sachlich klingen, aber politisch Sprengkraft besitzen.

Ich fragte mich, ob Björn und seine Partei dort bereits auftauchten. Ob man sie beobachtete. Oder ob sie noch als Teil des demokratischen Spektrums galten.

Zwischen Meinungsfreiheit und Verfassungsfeindlichkeit verläuft keine sichtbare Linie. Sie ist nicht auf den Boden gemalt. Sie wird ausgelegt, geprüft, diskutiert – und manchmal auch politisch interpretiert.

Ich lehnte mich zurück.

Ich schloss den Bericht und sah aus dem Fenster. Heimat, dachte ich, ist nicht nur ein Gefühl. Sie ist auch eine Frage der Ordnung.

Immer deutlicher wurde mir, warum Björn vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft wird. In den Berichten ist von einem „zentralen Akteur im rechtsextremistischen Spektrum seiner Partei“ die Rede. Seine politischen Bestrebungen richteten sich, so heißt es dort, gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung.

Weiter wird ausgeführt, Björn vertrete ein völkisches Verständnis von Nation, das Menschen pauschal aufgrund ihrer Herkunft bewerte und ausgrenze. Zudem besitze er ein geschichtsrevisionistisches Denken, insbesondere im Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus.

Auch die Verbindungen seiner Partei zur sogenannten „Identitären Bewegung“ werden thematisiert. Diese Gruppierungen vertreten ein ethnopluralistisches Konzept, das auf kulturelle Homogenität abzielt und vor einer vermeintlichen „Islamisierung“ warnt. Ihre Aktionen sind medienwirksam, provokativ und bewusst symbolisch aufgeladen.

Vergleichbare politische Strömungen finden sich inzwischen auch in anderen europäischen Ländern – etwa in Ungarn, der Slowakei, Frankreich oder den Niederlanden. Die Argumentationsmuster ähneln sich: nationale Souveränität, kulturelle Abgrenzung, Kritik an Migration und supranationalen Institutionen.

Und dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – steigen die Zustimmungswerte dieser Partei, besonders in einigen ostdeutschen Bundesländern.

Ich fragte mich, ob es allein an wirtschaftlichen Sorgen liegt. Oder an einem Gefühl des Abgehängtseins. Vielleicht auch an dem Wunsch nach klaren Antworten in einer unübersichtlichen Zeit.

Das Thema „Identitäre Bewegung Deutschland“ ließ mich nicht los. Also recherchierte ich weiter und stieß auf eine Zusammenfassung des Verfassungsschutzes.

Dort heißt es, die „Identitäre Bewegung“ sei ursprünglich in Frankreich entstanden. Sie wolle lokale, regionale und europäische Identitäten bewahren, die sie durch Migration – insbesondere aus muslimisch geprägten Ländern – bedroht sehe. Hinter gesellschaftlichen Veränderungen vermute sie eine gezielte Einflussnahme durch Medien und politische Eliten.

In Deutschland sei die Bewegung ab 2012 zunächst vor allem im Internet aktiv gewesen, später auch durch öffentlichkeitswirksame Aktionen in Erscheinung getreten. Die „Identitäre Bewegung Deutschland e. V.“ verfüge bundesweit über mehrere Hundert Anhänger und spreche mit provokanten Aktionsformen vor allem jüngere Menschen an. Zentral sei das Konzept des „Ethnopluralismus“ – die Vorstellung, unterschiedliche Kulturen müssten getrennt voneinander bestehen, um ihre Identität zu bewahren. Dieses Denken stehe im Widerspruch zum Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes und zum staatsbürgerlichen Verständnis von Nation. Zugleich arbeite die Bewegung mit verschwörungstheoretischen Narrativen, die das Vertrauen in staatliche Institutionen erschüttern sollen.

Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass sich in ihren offiziellen Verlautbarungen keine offene positive Bezugnahme auf den historischen Nationalsozialismus finde – eine Abgrenzung, die ihr auch Anschlussfähigkeit über das klassische rechtsextreme Milieu hinaus verschaffe.

Ich klappte den Laptop kurz zu.

Doch was plante Björn konkret? Welche politischen Ziele verfolgte seine Partei?

In Interviews und Parteiprogrammen fanden sich Forderungen nach einer restriktiven Migrationspolitik, einer sogenannten „Remigration“, einer Rückkehr zu fossilen und nuklearen Energieformen sowie einer grundlegenden Neuordnung der europäischen Zusammenarbeit bis hin zu einem möglichen Austritt aus der Europäischen Union. Auch traditionelle Familienbilder, nationale Souveränität und eine stärkere Orientierung an Russland wurden immer wieder betont.

Zugleich waren in den vergangenen Jahren immer wieder Vorwürfe und Kontroversen öffentlich diskutiert worden – etwa im Zusammenhang mit einzelnen Parteimitgliedern, problematischen historischen Relativierungen oder mutmaßlichen Einflussnahmen aus dem Ausland. Nicht alles davon war juristisch bewiesen, vieles jedoch politisch brisant.

Je länger ich las, desto deutlicher wurde mir: Hier ging es nicht nur um einzelne Parolen aus einer Kneipe. Es ging um ein politisches Projekt mit klarer Richtung.

Diskussion

Einige Tage später traf ich Mehmet wieder auf dem Wochenmarkt.

Es war ein kühler Morgen, der Himmel grau und tief, als würde er auf den Dächern lasten. Mehmet stand wie immer hinter seinem Stand und sortierte Tomaten in kleine Holzkisten. Als er mich sah, lächelte er.

„Guten Morgen, mein Freund“, sagte er. „Wie geht es dir?“

„Gut“, antwortete ich. „Und dir?“ Er zuckte mit den Schultern. „Die Geschäfte laufen. Mal besser, mal schlechter. Aber man kommt zurecht.“

Ich blieb einen Moment stehen und beobachtete die Menschen, die an seinem Stand vorbeigingen. Einige grüßten ihn mit Namen. Eine ältere Frau fragte nach Petersilie, ein Mann im Anzug kaufte Äpfel.

„Mehmet“, sagte ich schließlich, „fühlst du dich eigentlich zu Hause hier?“

Er sah mich kurz an, als hätte er die Frage nicht erwartet.

„Was meinst du?“

„Hier. In Deutschland.“

Er schwieg einen Augenblick, nahm eine Orange in die Hand und drehte sie langsam zwischen den Fingern.

„Ich lebe seit über zwanzig Jahren hier“, sagte er schließlich ruhig. „Meine Kinder sind hier geboren. Sie sprechen besser Deutsch als Türkisch. Ich arbeite hier, ich zahle Steuern, ich kenne die Menschen.“

Er legte die Orange zurück.

„Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass ich für manche trotzdem ein Fremder bleibe.“

Ein Windstoß fuhr über den Platz und ließ die Plane seines Standes flattern.

Ich wusste nicht sofort, was ich darauf antworten sollte.

Ich fuhr fort: „Mehmet, mein Freund, sehen wir uns nach Feierabend wieder in unserer Stammkneipe? Ich war vor ein paar Tagen in Gera und habe Björn auf einer Veranstaltung dieser Partei reden hören. Vielleicht kommt ja auch Jan André noch dazu.“

Mehmet nickte zustimmend. „Gut“, sagte er ruhig. „Reden ist immer besser als schweigen.“

Ich verabschiedete mich und zog mein Handy aus der Jackentasche. Während ich über den Platz ging, rief ich Jan André an.

„Du glaubst nicht, wo ich war“, begann ich ohne Umschweife und erzählte ihm in knappen Worten von der Veranstaltung in Gera – von der Stimmung, den Parolen, dem Applaus und den Zwischenrufen.

Am anderen Ende blieb es einen Moment still.

„Dann sollten wir reden“, sagte er schließlich. „Ich komme heute Abend.“ Wir verabredeten uns in unserer Stammkneipe.

Der Gedanke an das Gespräch ließ mich nicht los. Es würde kein leichter Abend werden.

Es war Abend, als ich unsere Stammkneipe betrat. Jan André saß bereits an unserem Stammtisch. Vor ihm stand ein halb geleertes Glas, seine Stirn war angespannt.

„Hallo, Jan André, wie geht’s?“

Er sah auf. „Alter Freund“, erwiderte er, „erzähl mir mehr von deinem Erlebnis mit Björn in Gera.“

Ich setzte mich.

„Kurzum“, sagte ich mit leicht stockender Stimme, „Björn und seine Partei wollen Migranten aus Deutschland vertreiben. Sie nennen das Remigration. Im Grunde geht es darum, die Heimat von möglichst allen Menschen mit Migrationsgeschichte zu ‘befreien’.“

Jan Andrés Gesicht verfinsterte sich.

„Das ist doch unmöglich. Wie wollen sie alle Deutschen mit Migrationshintergrund aus dem Land drängen? Meine Frau hat eine doppelte Staatsbürgerschaft. Ihre Eltern kamen aus Griechenland hierher, weil Arbeitskräfte gebraucht wurden. Als sie im Rentenalter waren, sind sie zurückgegangen. Aber ihre Heimat war lange hier. Unsere Kinder haben ebenfalls zwei Staatsbürgerschaften. Ihre Heimat ist hier. Die meiner Frau auch – wenn man Heimat überhaupt so eindeutig festlegen kann.“

Er nahm einen Schluck.

„Und ich überlege selbst manchmal, ob ich im Alter vielleicht ein kleines Haus in Griechenland kaufe. Was wäre ich dann? Deutscher? Grieche? Beides? Keins von beidem?“

„Auch meine Vorfahren stammen nicht nur aus Deutschland“, sagte ich leise. „Meine Mutter ist Polin. Mein Großvater, dessen Eltern ebenfalls aus Polen kamen, hat im Krieg für Deutschland gekämpft – wie so viele.“

Einen Moment schwiegen wir.

„Und trotzdem“, fuhr ich fort, „hat diese Partei bundesweit rund zwanzig Prozent der Stimmen. In manchen ostdeutschen Bundesländern fast vierzig. Nach allem, was man weiß. Nach allem, was öffentlich diskutiert wird.“

Jan André schüttelte den Kopf. „Unbegreiflich.“ In diesem Moment kam Willi herein. „N’Abend“, sagte er knapp und setzte sich an den Nachbartisch. Er bestellte ein großes Bier.

Nach kurzem Zögern drehte er sich zu uns.

„Hab gehört, ihr wart bei meinem Freund Björn in Gera. War doch bestimmt interessant?“

Wir antworteten nicht.

Willi lehnte sich zurück. „Ihr müsst doch zugeben, dass Deutschland nicht unbegrenzt Migranten aufnehmen kann. Es werden immer mehr. Unser Sozialsystem ist jetzt schon belastet. Manche kassieren Kindergeld für Kinder im Ausland, bekommen die Miete bezahlt und haben kaum Anreiz zu arbeiten. Und wenn man sich umschaut – junge Männer ohne Perspektive, Parallelgesellschaften, Kopftücher, Vollverschleierung. Man erkennt sein eigenes Land kaum wieder.“

Jan André sah ihn ruhig an.

„Mag sein, dass es Missbrauch gibt. Aber das ist nicht die Mehrheit. Viele sind vor Krieg, Folter oder Armut geflohen. Andere wurden gezielt angeworben – Pflegekräfte, Ärzte, IT-Spezialisten. Wir brauchen sie. Und viele arbeiten hier ganz selbstverständlich: in Krankenhäusern, in Betrieben, als Paketzusteller, bei der Müllabfuhr.“

Er beugte sich leicht vor.

„Und selbst wenn es Probleme gibt – willst du ernsthaft Millionen Menschen zwangsweise ausweisen? Weißt du, was das bedeuten würde?“

Willi nahm einen tiefen Schluck Bier. „Einige, die wir dringend brauchen, können bleiben. Aber wenn sie nicht mehr gebraucht werden, müssen sie gehen. Es kann doch nicht sein, dass sie sich hier dauerhaft niederlassen, sich vermischen, Familien gründen.“

Ich spürte, wie mir die Worte schwerfielen.

„Stell dir vor, Willi, du lebst dreißig oder vierzig Jahre in einem anderen Land. Du findest Freunde, heiratest, bekommst Kinder. Und dann sagt man dir: Du bist hier nicht mehr erwünscht. Geh zurück.“

Willi zuckte mit den Schultern. „Wenn es so ist, ist es eben so.“

„Und deine Frau? Deine Kinder? Wenn sie die Sprache dort nicht sprechen?“

Er antwortete nicht sofort. In diesem Moment kam Mehmet herein. Wir standen auf und begrüßten uns mit einer Umarmung. Er setzte sich zu uns.

Jan André wandte sich an ihn. „Mehmet, könntest du dir vorstellen, im Rentenalter in die Türkei zurückzugehen?“

Mehmet sah überrascht aus. „Ich habe noch Verwandte dort. Und wir fahren ab und zu hin. Aber meine Kinder sprechen kaum Türkisch. Für sie ist es Urlaub. Ihre Arbeit, ihre Freunde, ihre Zukunft – alles ist hier. Auch die Familie meiner deutschen Frau lebt hier. Wir fühlen uns in beiden Ländern verbunden.“

Willi schüttelte den Kopf. „Aber jeder braucht doch eine Heimat. Deutschland ist meine Heimat. Die meiner Vorfahren auch. Wir würden nie in die Türkei oder nach Syrien auswandern. Nicht für Geld. Das käme nicht infrage.“

Mehmet antwortete ruhig.

„Du lebst in einem sicheren, wohlhabenden Land. Ohne Krieg. Mit funktionierenden Gesetzen. Was genau stört dich an uns? Die meisten sind hier, weil sie gebraucht wurden – oder weil sie keine Wahl hatten. Wir sehen vielleicht anders aus, haben andere Traditionen oder Religionen. Aber wir arbeiten, wir lieben, wir sorgen uns um unsere Kinder. Am Ende wollen wir doch alle dasselbe: in Frieden leben.“

Am Nebentisch klirrte ein Glas. Niemand von uns sprach weiter.

Die Diskussion war nicht beendet. Sie hatte gerade erst begonnen.

Willi wurde zunehmend unruhig. Seine Hände lagen nicht mehr still auf dem Tisch. Er suchte nach Worten, nach Halt.

„Ich sag euch mal was“, begann er, seine Stimme lauter als zuvor. „Wir Deutschen sind ein starkes Volk. Schaut doch, was wir alles geschaffen haben. Auch wenn wir den Krieg verloren haben – wir sind wieder aufgestanden. Wir haben das Land aufgebaut. Wir sind stärker und wohlhabender geworden als je zuvor. Das liegt an uns. An unserer Mentalität. An unseren Genen.“

Jan André erstarrte.

Willi redete weiter, schneller jetzt: „Überall, wo Deutsche sich niedergelassen haben, ist Wohlstand entstanden. In Nordamerika, in Südamerika – überall. Das ist doch kein Zufall.“

„Willi“, sagte Jan André fassungslos, „du vergisst, was dieser Krieg bedeutet hat. Millionen ermordete Juden. Ein entfesselter Vernichtungskrieg in ganz Europa. Unermessliches Leid. Das war keine Heldengeschichte, das war eine Katastrophe. Eine Diktatur, getragen von blinder Gefolgschaft.“

Er beugte sich vor. „Wenn es diesen Krieg nicht gegeben hätte, stünde Europa vielleicht ganz anders da. Kriege zerstören Leben, Familien, Volkswirtschaften. Und nach dem Krieg haben nicht nur ‘wir Deutschen’ das Land aufgebaut. Es kamen Menschen aus Italien, Griechenland, der Türkei, aus vielen anderen Ländern. Ohne sie wäre der wirtschaftliche Aufstieg so nicht möglich gewesen.“

Willi schnaubte.

„Ach was. Wir dürfen die Völker nicht vermischen. Jedes Volk soll bei sich bleiben. Wir müssen unsere Gene bewahren.“

Seine Stimme wurde schrill.

„Die Menschen in Asien haben nicht unser Niveau. In Afrika ist es noch deutlicher. Das sieht man doch an deren Entwicklung, an deren Kulturen. Ohne unsere Hilfe würden viele Länder gar nicht klarkommen.“

Am Nebentisch war es still geworden. Man hörte nur noch das Klirren eines Löffels im Glas.

Mir schnürte es die Kehle zu.

„Willi“, sagte ich langsam, „das ist Unsinn. Es gibt keine ‘höheren’ oder ‘niedrigeren’ Gene. Wissenschaftlich ist das längst widerlegt. Menschen unterscheiden sich in Aussehen, Sprache, Kultur – aber nicht in einem Wertmaß ihrer Existenz.“

Ich spürte, wie meine Hände zitterten.

„In allen Teilen der Welt hat es große Denker, Erfinder, Künstler und Staatsmänner gegeben. Intelligenz und Talent hängen nicht von Hautfarbe ab. Wenn es Regionen gibt, in denen Armut herrscht, dann hat das oft historische Gründe – Kolonialismus, Ausbeutung, politische Instabilität. Und auch wir Europäer haben daran Anteil gehabt.“

Willi wollte etwas erwidern, doch ich sprach weiter.

„Katastrophen sind nicht durch ‘schwache Gene’ entstanden, sondern durch Machtgier. Durch Feldherren, Diktatoren, Ideologen. Menschen, die Länder überfallen haben, um Rohstoffe, Einfluss oder Ruhm zu gewinnen.“

Ich dachte an die Bilder aus den Nachrichten.

Willi schwieg. Sein Blick war hart, aber unsicher.

Mehmet, der bisher still zugehört hatte, sagte leise: „Wenn man anfängt, Menschen nach ihrem Wert einzuteilen, dann endet das nie gut.“

Niemand widersprach ihm. In der Kneipe war es warm, aber mir war kalt.

Ich dachte an die Bilder aus den Nachrichten.

„Schau dir doch den Krieg in der Ukraine an“, sagte ich. „Wieder geht es um Macht, um Einfluss, um geopolitische Interessen. Und wieder sterben Menschen, die nichts anderes wollten, als ihr Leben zu leben.“

Ich zögerte kurz.

„Der russische Präsident hat sinngemäß gesagt, dass jeder Mensch ohnehin irgendwann sterben müsse – und dass es ehrenvoller sei, für das Vaterland zu fallen, als einfach so zu sterben. Stell dir das vor: Da wird jungen Männern erklärt, ihr Tod bekomme erst dann einen Sinn, wenn er im Krieg geschieht.“

Ich sah Willi direkt an.

„Das ist genau diese Logik. Menschen werden zu Material. Zu Figuren in einem Machtspiel. Nicht Gene machen ein Land groß oder klein, sondern die Entscheidungen derer, die Macht ausüben.“

In der Kneipe war es still geworden. Man hörte nur das Summen der Kühlanlage hinter dem Tresen.

Mehmet sagte leise: „Wenn ein Staat anfängt, den Tod zu verherrlichen, sollte man sehr vorsichtig werden.“

Willi starrte in sein Bierglas.

Epilog

Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Björn und seine Partei einer völkisch-nationalistischen Vorstellung von Politik folgten. In ihren Programmen und Reden war immer wieder von „Remigration“ die Rede – von einer grundlegenden Neuordnung der Gesellschaft entlang ethnischer und kultureller Linien.

Mich beunruhigte dabei weniger ein einzelner Begriff als die Stimmung, die er erzeugte. Geschichte hat gezeigt, wie schnell Worte zu Parolen werden können – und Parolen zu Handlungen. Die Erinnerung an das Jahr 1933 stand wie ein warnender Schatten im Raum: Damals begann Ausgrenzung mit Sprache, mit Definitionen darüber, wer dazugehöre und wer nicht.

Ich fragte mich, was geschehen würde, wenn solche Gedanken wieder mehrheitsfähig würden. Wenn Menschen begännen, andere nach „völkischen Kriterien“ zu bewerten. Nicht jeder politische Radikalismus führt zwangsläufig zur Gewalt – aber er kann ein Klima schaffen, in dem sich die Lautesten und Rücksichtslosesten ermutigt fühlen.

Und genau das machte mir Angst.

Ich dachte:

Nie wieder !

V.i.S.d.P

Edgar E. Kohlhaas