Autobiografische Erzählung51 Min. Lesezeit

Bubi

Biographie eines außergewöhnlichen Jungen vom Land

Kindheit auf dem Land

Anfang der 1950er Jahre.

Ein 3.000-Seelen-Dorf, in dem fast ebenso viele Menschen in der nahegelegenen Steinkohlezeche arbeiteten – Bergleute und Angestellte, die in den typischen Doppelhäusern lebten, wie sie für jene Zeit gebaut wurden. Rundherum Landwirtschaft, Felder und Viehweiden – das prägte das gesamte Dorfbild. Das Leben bestand im Wesentlichen aus Bergleuten und Bauern.

Die Zeche bot ihren Beschäftigten Doppelhaushälften zu günstigen Konditionen an. Die Häuser, in den 50er Jahren errichtet, waren solide gebaut und gut erhalten – allerdings wurden sie, wie sollte es anders sein, mit Kohle beheizt. Von Zeit zu Zeit kam der Kohlenlaster und schüttete die schwarze Ladung auf die gepflasterte Fläche vor dem Haus. Dann musste die Kohle durch ein Kellerfenster in den Kohlenraum geschaufelt werden – ein eigener, abgetrennter Kellerbereich. Von dort schleppte man sie eimerweise in den Ofen. Die Asche kam in eine spezielle Tonne, die alle zwei Wochen vom Entsorgungsunternehmen geleert wurde.

So sah der Alltag in unserem Dorf aus – geprägt vom Rhythmus der Zeche, vom Geruch nach Kohle und dem gleichmäßigen Takt der Arbeit.

Ich hatte eine ganz normale Kindheit – oder sie hätte zumindest unbeschwerter sein können, wenn mein Bruder nicht so ein Ekel gewesen wäre. Fünf Jahre älter, deutlich größer und kräftiger als ich, konnte er es offenbar nicht ertragen, dass es neben ihm noch einen weiteren Sohn gab. Von der Statur her kam er ganz nach unserem Vater – kräftig, stattlich. Meine Mutter hingegen war klein, rundlich und hatte einen dunklen Teint; man hätte sie leicht für eine Südländerin halten können.

Wenn die Eltern nicht zuhause waren, nutzte mein Bruder jede Gelegenheit, mich zu schikanieren. Er stieß mich zu Boden, setzte sich auf mich und ließ seine Spucke langsam auf mich herabtropfen. Er wollte mich unterwerfen. Auch sonst war er immer auf seinen Vorteil bedacht: Als er mit sechzehn ein Moped wollte, musste es natürlich ein neues sein – bezahlt von den Eltern. Ich hingegen verkaufte ihm meine Briefmarkensammlung weit unter Wert, nur um zu Weihnachten Geschenke kaufen zu können.

Ich war in der Familie immer der, der „so mitlief“. Schon als kleiner Junge nannte man mich „Bubi“. Ich hatte den Namen akzeptiert und fügte ihn später sogar meinen eigentlichen Vornamen hinzu: Peter Paul Bubi. Im Vergleich zu meinem Bruder Dietmar und meinem Vater war ich kleiner, schmächtiger – eben der Bubi der Familie.

Unser Garten war groß und reichte bis zu den angrenzenden Ackerfeldern. Mein Vater, Grubensteiger mit ewiger Nachtschicht, baute dort Kartoffeln, Salat und Tomaten an. Neben dem Stall errichtete er ein zweites, gleich großes Gebäude, in dem er Kaninchen züchtete. Die Kaninchen landeten hin und wieder sonntags auf dem Mittagstisch. Dass mein Vater sie selbst schlachtete, machte mich traurig. Ich gab ihnen Namen, sprach mit ihnen. Und eines Tages war mein Lieblingskaninchen „Hansi“ verschwunden. Man sagte mir, er sei entlaufen – doch stattdessen lag Hansi köstlich zubereitet auf dem Mittagstisch, an einem sonnigen Sonntag.

Abgesehen davon war unser Garten schön gepflegt. Mein Bruder baute dort oft das Familienzelt auf und feierte Partys mit seinen Freunden.

Meine Mutter war das Gegenteil meines Vaters – gesellig, beliebt im Dorf, immer mittendrin. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen: Ihr Vater war Hauer im Ruhrgebiet, ihre Mutter kam aus Polen. Nach der Schule arbeitete sie in einer Chemiefabrik – ein Job, der ihr, wie wir später vermuteten, mit 50 Jahren zum Verhängnis wurde. Sie starb an Lungenkrebs.

An meine Großmutter mütterlicherseits erinnere ich mich kaum – sie starb früh. Deshalb holten wir meinen Großvater zu uns. Er litt an Epilepsie und verstarb mit 65 Jahren. Von ihm weiß ich, dass er – wie auch sein Halbbruder Karl – vor dem Krieg Mitglied der Kommunistischen Partei war. Als Karl Ende der 1970er Jahre starb, kamen Hunderte Altkommunisten zur Beerdigung. Die Leichenhalle war voller roter Rosen, und lautstark sang man die „Internationale“. Ein bewegender, unvergesslicher Moment.

Von meinem Großvater hieß es auch, dass er nach dem Krieg in einer Kneipe einem Polizisten die Waffe abgenommen und ihn verprügelt habe – der Polizist war einst Mitglied der NSDAP.

Meinen anderen Großvater, den Bäcker, lernte ich nie kennen – er starb ein Jahr vor meiner Geburt. Vermutlich habe ich von ihm meine Leidenschaft fürs Backen geerbt. Seine jüdische Frau brachte elf Kinder zur Welt; zwei fielen im Krieg, die anderen verstreuten sich später im ganzen Land.

Von all meinen Verwandten lernte ich eigentlich nur Tante Gretchen, die Schwester meines Vaters, richtig kennen. Sie war kinderlos. Als meine Mutter krank im Krankenhaus lag, wohnte ich eine Zeitlang bei ihr. Tante Gretchen war herzlich, liebevoll, kümmerte sich um mich, als wäre ich ihr eigener Sohn. Auf ihrem Hof liefen Hühner herum, in einem separaten Stall standen Schweine.

Das Leben bei Tante Gretchen und ihrem Mann Fritz war einfach und rustikal. Gebadet wurde in einer Zinkbadewanne, die aus dem Schuppen in die Küche getragen wurde. Auf dem Kohlenherd wurde Wasser erhitzt – umständlich, aber faszinierend für mich als Stadtkind. Nur an eines konnte ich mich nie gewöhnen: die Toilette im Hühnerstall, ein einfacher Donnerbalken zwischen gackernden Hühnern. Für mich war das befremdlich, fast eklig – zu Hause war ich anderes gewohnt.

Der älteste Bruder meines Vaters, Onkel Hans, erbte das Haus der Großeltern – damals war es üblich, dass der Älteste das Haus bekam, um es im Familienbesitz zu halten. Ich sah ihn nur ein- oder zweimal. Nach seinem letzten Besuch war unsere weiße Zündapp verschwunden – mein Vater hatte sie ihm einfach geschenkt. Ich konnte das nie verstehen. Onkel Hans war mir unsympathisch, und auch zu seinen Kindern hatte ich keinen Kontakt.

Einmal, Anfang der 2000er, fand ich bei eBay eine Zeichnung, die stark an Gerhard Richter erinnerte. Ich war damals ein großer Bewunderer seiner Werke – also kaufte ich sie. Beim Überweisen stellte sich heraus: Der Zeichner war mein Cousin Hans-Peter, der Sohn von Onkel Hans. Ich überwies das Geld – aber wir schrieben uns nie.

Erste Entdeckungen und Grenzen

In den 60er- und 70er-Jahren spielte sich das Leben der Kinder meist auf der Straße ab – Autos waren selten, der Verkehr gering. Zwar besaß fast jede Familie in unserer Straße ein Auto, doch es wurde kaum genutzt – allenfalls für den Einkauf oder den sonntäglichen Ausflug.

Mit den Jungs aus der Siedlung bastelten wir aus Baumästen Hockeyschläger, und gespielt wurde Hockey auf Rollschuhen. Die Rollschuhe hatten Eisenrollen, die auf Asphalt kaum Halt fanden – man rutschte, als stünde man auf Glatteis. Wenn uns der Übermut packte, endete das Spiel nicht selten mit blutigen Knien und aufgeschürften Ellenbogen. Bremsen war fast unmöglich; wer nicht rechtzeitig auswich, krachte in den Gegenspieler, und beide lagen am Boden.

Als Tore dienten die Straßenränder. Um den Gegner zu stoppen, ging es oft ruppig zu. Da blieb keine Haut heil, und so saßen immer wieder ein oder zwei Spieler am Rand, heulend vor Schmerz – bis sie sich wieder fassten und zurück ins Spiel gingen. Unsere „Hockeysaison“ begann jedes Jahr, wenn die Kirschblüten fielen.

Zwischen allen Doppelhäusern stand ein Kirschbaum. Im April und Mai erblühte die Straße in einem rosa Meer – es war, als läge zarter, rosaroter Schnee über dem Asphalt. Ein zauberhafter Anblick, der jedes Jahr aufs Neue verzauberte. Später, in den Achtzigern, verfügte die Landesregierung, dass ab einem bestimmten Stichtag keine Bäume mehr gefällt werden dürften. Viele Hausbesitzer nutzten die Frist und ließen die Kirschbäume vorher fällen. Innerhalb weniger Tage wurde aus unserer Straße ein kahler Anblick. Nur der Baum auf unserem Grundstück blieb – vorerst.

Eines Tages jedoch touchierte meine Mutter mit ihrem nagelneuen, teneriffagrünen Opel Rekord beim Einparken genau diesen Baum. Für meinen Vater war das Grund genug, die Axt zu holen – der Kirschbaum fiel.

Wenn wir nicht Hockey spielten, dann „knickerten“ wir – mit Glaskugeln in allen Farben und Größen. Der Wert eines Knickers bestimmte sich nach seiner Farbe und dem Glanz. Mit der Schuhhacke drehten wir kleine Löcher in den unbefestigten Boden am Straßenrand, und wer seine Kugel ins Loch oder am nächsten Rand brachte, gewann die Knicker der anderen. Von Straße zu Straße zogen wir los – immer auf der Jagd nach neuen Gewinnen.

Im Spätsommer, wenn die Blätter bunt wurden und die Bauern die Felder abernteten, begann für uns Kinder die Zeit des „Stoppelngehens“. Wenn die Erntemaschinen die Kartoffeln vom Feld geholt hatten, sammelten wir die liegengebliebenen auf – eine willkommene Hilfe für unsere Eltern. Ein Teil blieb für uns. Abends machten wir ein großes Lagerfeuer, legten die Kartoffeln in die Glut oder spießten sie auf Stöcke. Meistens waren sie außen schwarz verbrannt, innen voller Asche – aber das störte uns nicht. Es war unsere Beute des Tages, und sie schmeckte nach Abenteuer.

Schule, Ehrgeiz und Träume

Bubis erste Mobilität – der Weg in die Freiheit

Ich war der zweite Sohn der Familie – und derjenige, der die abgelegten Sachen meines älteren Bruders bekam. Das galt auch für die weiße Zündapp, ein Moped mit großem Nummernschild, das immerhin fast neunzig Stundenkilometer schaffte. Dieses Moped war mein Schlüssel zur Freiheit, mein erster Schritt hinaus in die Welt.

Plötzlich konnte ich Freunde in den Nachbarorten besuchen, nach Aachen fahren, zu Partys in den umliegenden Dörfern – oder einfach nur den Fahrtwind genießen.

Die ersten Touren unternahm ich noch ohne Führerschein. Polizeikontrollen gab es kaum. Unser Dorfsheriff war meist freundlich, manchmal auch leicht angetrunken, und winkte eher, als dass er jemanden anhielt. Eigentlich konnte fast jeder Jugendliche Auto fahren, noch bevor er überhaupt bei der Fahrschule angemeldet war.

Als mein Bruder in die stürmische Phase seiner Jugend kam, verliebte er sich in ein hübsches Mädchen aus der Siedlung. Doch sie zeigte ihm die kalte Schulter – der Sohn des Zuckerfabrikanten aus der Stadt war ihr lieber. Mein Bruder versuchte, den Rivalen zu vertreiben, was in wahren Verfolgungsjagden endete. Am Ende siegte der Fabrikantensohn.

Doch lange blieb mein Bruder nicht allein. Die Freundin der einst Begehrten zeigte Interesse an ihm. Bald trafen sich ihre und unsere Eltern zu geselligen Abenden – man spielte Karten oder sah gemeinsam fern, etwa Raumpatrouille Orion.

Nicht lange danach verlobten sich die beiden. Doch die Freude währte kurz: Zwischen den Eltern kam es zum Streit, und mein Bruder stellte sich auf die Seite seiner künftigen Schwiegereltern. Das traf meine Mutter tief – zu dieser Zeit war sie bereits schwer an Lungenkrebs erkrankt.

Als schließlich die Hochzeit stattfand, lud mein Bruder unsere Familie nicht ein. Damit war der Bruch endgültig. Mich berührte das weniger – ich hatte längst erkannt, wie er war, und mich innerlich von ihm gelöst.

Einige Jahre später bekam er eine Tochter. Ich sah sie nur einmal, als sie etwa ein halbes Jahr alt war – ich war damals wegen einer Formalität bei ihm. Danach verloren wir den Kontakt.

Dorfschule - Sport - Theater

Unsere Schule hieß damals noch „Volksschule“. Ich war dort nie ein besonders auffälliger Schüler – eher im Mittelfeld, still und unauffällig. Nur wenige Fächer interessierten mich wirklich. Wenn mich etwas begeisterte, rutschte mir oft der Spruch heraus: „Wenn dat nix is!“ Bald wurde das zum geflügelten Wort der ganzen Klasse.

Am meisten mochte ich Deutsch und Rechnen. Mit Sport hingegen konnte ich nie viel anfangen – bis zu einem Morgen, an dem sich das völlig änderte.

Ich war vierzehn, lag noch im Bett, als mir der Gedanke kam, dass ich mich doch auch einmal anstrengen könnte. Es war der Tag der Bundesjugendspiele. Und siehe da – plötzlich sprang ich 4,99 Meter weit. Der Sportlehrer war sprachlos und forderte mich auf, den Sprung zu wiederholen. 4,96 Meter. Alle sahen mich an, als hätten sie sich verhört. Dann lief ich die 100 Meter in 13,6 Sekunden. Plötzlich war ich der drittbeste Schüler der Schule – und wurde gleich für die Kreismeisterschaft nominiert.

Mit unserer Staffel erreichten wir dort den ersten Platz. Dafür gab es vom Schulleiter sogar eine Medaille.

Die Lehrer meinten nun, ich solle meine sportlichen Leistungen weiter ausbauen. Also wurde ich im örtlichen Sportverein angemeldet. Doch nach kurzer Zeit verlor ich die Lust. Es machte mir keinen Spaß mehr, mich zu quälen – der anfängliche Ehrgeiz war schnell verflogen. Eine Steigerung meiner vorherigen Leistungen waren mir leider nicht möglich.

Im Dorf gab es auch einen Theaterverein. Die Zechenverwaltung hatte schon in den 50er Jahren ein „Casino“ bauen lassen – einen großen Veranstaltungssaal, in dem der Knappenchor sang, Konzerte stattfanden, Karneval gefeiert wurde oder Siegerehrungen stattfanden. Und eben auch die Aufführungen des Theatervereins.

Kurz vor Weihnachten wurden dort meist Märchen gespielt. Das Casino hatte eine richtige Bühne, einen Backstage-Bereich, ein großes Requisitenlager, eine Bar und Platz für über zweitausend Zuschauer – für ein Dorf eine beeindruckende Größe.

In der siebten Klasse fragte man, wer Lust hätte, bei einem der Märchen mitzuspielen. Ich meldete mich sofort. Beim Vorsprechen bekam ich tatsächlich eine Rolle: den Eisjungen in „Schneewittchen“.

Bereits im Sommer begannen die Proben. Anfangs lasen wir am Tisch, später standen wir auf der Bühne. Die Kostüme wurden angepasst, das Bühnenbild wuchs – und mit jedem Tag stieg die Aufregung.

Vor der ersten Aufführung war das Lampenfieber riesig. Unser Regisseur und die älteren Schauspieler hatten ihr eigenes Rezept dagegen: ein paar Schnäpse. Für uns jugendliche Darsteller wirkte das Wundermittel sofort. Das Zittern verschwand – zumindest für den Moment.

So spielte ich bis zu meinem Schulabgang in insgesamt vier Märchen mit. Die Aufregung blieb, aber das Gefühl, auf der Bühne zu stehen, war unvergleichlich.

Erste weiterführende Schule

Nach den neun Jahren Hauptschule meinte meine Mutter, dass die Handelsschule wohl das Richtige für mich wäre – schließlich könne ich gut rechnen. Ein Handwerksberuf kam für sie nicht infrage; dazu war ich, wie sie sagte, „nicht kräftig genug“ – ganz im Gegensatz zu meinem Vater und meinem Bruder.

Meine Mutter war gesellig, im Kegelclub aktiv und, wie es so kam, mit der Frau des Bürgermeisters befreundet. Deren Sohn war übrigens mein Klassenkamerad.

Nach dem Abschluss der Hauptschule sollte ich also zur Handelsschule in die Kreisstadt Jülich. Rund 500 Schüler aus dem ganzen Kreis bewarben sich, doch nur 50 Plätze standen zur Verfügung. Die Aufnahmeprüfung war schwierig – schon an der Frage, wie man „Stanniol“ schreibt, verzweifelte ich. Ich bestand nicht. Ein Reinfall, über den mein Bruder sich sichtlich amüsierte.

Doch auch der Sohn des Bürgermeisters fiel durch. Zwei gescheiterte Hoffnungsträger also – und zwei Mütter, die sich nicht geschlagen geben wollten. Sie schmiedeten einen Plan: Ihre Söhne sollten gemeinsam die private Handelsschule des DGB-Fortbildungswerks in Aachen besuchen.

Die Kosten waren überschaubar, es gab keine Aufnahmeprüfung, und so begann mein neuer Lebensabschnitt – in der großen Stadt Aachen.

Für Bubi war das ein gewaltiger Schritt in eine neue Welt.

Eine Stunde Busfahrt hin, eine zurück. Manchmal länger, wenn der Bus ausfiel. Dann blieb nur der Fußweg vom Nachbarort bis nach Hause.

Die Fächer an der Handelsschule waren überschaubar, mit zwei Ausnahmen: Stenografie und Maschinenschreiben. Diese beiden Fächer wurden zu meinem Albtraum. Steno – das Umwandeln von Wörtern in eine Abfolge seltsamer Zeichen – erschien mir wie eine Geheimschrift aus einer anderen Welt. Und beim Maschinenschreiben musste man aufpassen, nicht zwischen den weit auseinanderstehenden tiefen Tasten hängen zu bleiben.

Zum Glück erklärte sich ein Mitschüler hin und wieder bereit, die Zehn-Minuten-Schnellschreibübungen für mich mitzuschreiben. Ich bat ihn nur, ein paar Fehler einzubauen, damit es nicht auffiel.

Unsere Lehrerin – eine Frau, die uns allen eher wie eine Hexe vorkam – war streng und unnachgiebig. Sie ließ keine Gelegenheit aus, mich zu demütigen. „Aus die wird nie etwas“, sagte sie einmal, „Du bist wohl zu dumm für meine Fächer.“ Kurz darauf setzte sie mich als Klassensprecher ab.

Ich nahm es mit Humor. In diesen „schwierigen“ Fächern war ich eben kein Held. Dafür erklärte ich selbstbewusst, dass ich später eine Sekretärin haben würde, die diese Aufgaben für mich erledigt.

Es waren die 1960er Jahre – eine unbeschwerte Zeit. Beatles, Flower Power, lange Haare, Miniröcke, erste Diskotheken. Wir träumten von Freiheit, Liebe und Musik. Der Vietnamkrieg war weit weg, kaum greifbar. In manchen Läden konnte man gebrauchte US-Armeeuniformen kaufen – manchmal mit Namensschild oder Einschussloch.

Ich war angekommen in einer neuen Zeit – und irgendwie auch in meinem eigenen Leben.

Mittlere Reife

Die zweite Handelsschule – und die Hexe kehrt zurück

Da ich in der privaten Handelsschule recht gute Noten erzielt hatte – wie hätte es auch anders sein können, schließlich hatte ich vieles schon im Jahr zuvor gelernt –, durfte ich nun auf derselben Schule die zweijährige, staatlich anerkannte Handelsschule besuchen.

Anfangs war das Niveau ähnlich wie in der Klasse zuvor. Nur: Steno und Maschinenschreiben standen wieder auf dem Stundenplan. Und wer war die Lehrerin? Natürlich – „die Hexe“ vom Vorjahr.

Schon am ersten Tag kam sie in die Klasse, schaute sich um und fragte mit schneidender Stimme: „Wo ist der Peter Paul?“.

Damit war die alte Spannung sofort wieder da.

Die erste Zehn-Minuten-Schnellschreibübung stand an. Diese Schreibmaschinen waren Monstren – aus schwerem Eisen, laut und unbarmherzig. Man musste aufpassen, die Finger nicht zwischen den Tasten einzuklemmen.

Dann kontrollierte sie nacheinander die Arbeiten. Wer zu langsam war oder zu viele Fehler hatte, bekam einen Klaps auf den Hinterkopf. Ich saß in der letzten Reihe – der Letzte, der geprüft wurde. Die ganze Klasse blickte gespannt zu mir.

Ich stand auf, um den Klapps abwenden zu können. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Ich wusste: Wenn sie jetzt zuschlägt, reagiere ich – und zwar sofort und schlage zurück. Doch sie drehte sich plötzlich um und ging nach vorn. Sie ahnte wohl, dass sie zu weit gegangen war.

„Puh – das war knapp“, dachte ich nur. Eine Eskalation hätte meine schulische Laufbahn beendet.

Der Direktor selbst unterrichtete Deutsch. Wenn er den Raum betrat, herrschte sofort Totenstille. Niemand wagte, sich zu rühren. Ein falsches Wort – und man durfte am Samstag einen Aufsatz schreiben, über irgendein belangloses Thema wie „Die Biene“ oder „Mein schönster Wandertag“.

Einmal zeigte er auf einen kleinen Zettel auf dem Boden und sagte nur: „Aufheben!“ – da sprang der nächste Schüler schon panisch auf. Manche meldeten sich vor seiner Stunde sogar krank, so sehr lagen die Nerven blank.

Nur ein Lehrer hielt wirklich zu uns: unser Klassenlehrer. Ein großartiger Typ. Wenn der Direktor, ein cholerischer Mann, uns wieder einmal zu einer Strafarbeit am Samstag verdonnert hatte, fand der Klassenlehrer Wege, uns davon zu befreien. An einem Karnevals-Samstag hatten wir wieder einmal diese Strafarbeit in der Schule zu leisten. Dann kam der Klassenlehrer holte uns raus und wir fuhren zu seiner Wohnung wo wir noch Karneval feierten.

Meine schulischen Leistungen schwankten stark – sie hingen immer vom Lehrer ab. Eines Tages fragte mich der Mathelehrer: „Waren Sie früher auf dem Gymnasium?“

Ich schaute erstaunt und fragte: „Warum?“

Er lächelte leicht: „Sie machen einen intelligenten Eindruck.“

Ich wusste nicht recht, was er damit meinte. War das ein Kompliment oder Spott? Die Klasse grinste, ich auch. Aber irgendwie freute es mich doch.

Erste Freiheiten

Zuhause waren die Reaktionen auf meine – mal guten, mal mittelmäßigen – Leistungen an der Handelsschule recht unterschiedlich. Meine Mutter war zufrieden. Mein Vater hingegen fand, es sei nun an der Zeit, „endlich was Richtiges“ zu machen. „Mit dem Abschluss kannst du doch jetzt Maler werden“, meinte er. Oder, noch besser: „Jungbergmann auf der Zeche – die suchen immer Leute.“

Mein Bruder, Elektriker auf eben dieser Zeche, pflichtete ihm bei. Er konnte es ohnehin nicht ertragen, dass ich eine weiterführende Schule besuchte. In seinen Augen hielt ich mich wohl für etwas Besseres.

Ich aber wollte meinen eigenen Weg gehen.

Zuhause begannen die Diskussionen: Wie sollte es weitergehen? Ich wusste nur eines: Mit Farbrolle oder Schaufel würde man mich nicht glücklich machen. Schon beim Graben im Garten lachte mein Bruder, weil ich die Schaufel auf der linken Seite hielt – obwohl ich Rechtshänder bin. Ich konnte einfach nicht anders.

Meine Mutter verstand das. Sie wusste, dass ich kein Handwerker war. Sie unterstützte mich, wo sie konnte – auch, wenn es um Kleidung ging. Gern fuhren wir gemeinsam nach Aachen zum Shoppen. Dort kaufte sie mir moderne Sachen – Jeans, Hemden, Sonnenbrillen wie die Beatles sie trugen. Die Haare ließ ich wachsen, bis sie mir auf die Schultern fielen. So war man als Teeny eben.

Ich begann zu spüren, dass ich mehr wollte.

Der Weg führte zur Fachoberschule für Wirtschaft in Aachen. Ich erklärte meiner Familie, dass ich diese Schule weitgehend selbst finanzieren wollte. In den Ferien arbeitete ich in Fabriken, um mir das Geld zu verdienen.

Den Führerschein bezahlten mir meine Eltern – eine große Hilfe, die mir neue Freiheit schenkte. Ein Nachbar verkaufte mir sein altes Auto, einen Ford Taunus – im Volksmund „die Badewanne“genannt. Das Auto hatte hinten einen Auffahrunfall und nur noch drei Monate TÜV, aber für mich war es ein Symbol der Unabhängigkeit. Mein Bruder stand daneben, mürrisch und sarkastisch. „Damit kommst du auch nicht weit“, meinte er. Doch ich sah das anders.

Von anderen Schülern erfuhr ich, dass es staatliche Unterstützung für Schüler aus einkommensschwächeren Familien gab – „Schüler-Bafög“. Die SPD hatte das Gesetz gerade verabschiedet.

Ich rechnete: Bafög plus Ferienjobs – das könnte reichen. Damit ließ sich die Fachoberschule finanzieren und sogar das Auto unterhalten.

Tagsüber arbeitete ich in der Gurkenfabrik, abends in der Disko. Es war anstrengend – aber es war Freiheit.

Was für ein Leben für einen Bubi vom Land.

Ich begann, mein Leben zu reflektieren. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich auf eigenen Beinen zu stehen.

Mein Bruder heiratete zu dieser Zeit das Mädchen aus der Nachbarschaft – die, wegen der es früher Streit gegeben hatte. Es passte gut zu ihm. Er war pedantisch bis ins Detail: Sein Werkzeug hing millimetergenau an der Wand, später soll er sogar die Sofakissen im Wohnzimmer exakt mittig gefaltet haben.

Er bekam ein Haus im Ort, finanziert über die Zeche.

Ich dagegen hatte endlich Ruhe – die Schikanen meines Bruders waren Vergangenheit.

Bubi war erwachsen geworden und spürte, dass dies erst der Anfang war.

Der Verlust des besten Freundes

Bubi verlor seinen jemals besten Freund. Und von da an war es für ihn kein großer Unterschied mehr, ob Freundschaften endeten oder Menschen starben.

Andy – ein wunderbarer Mensch. Er hatte lange, glatte Haare und ein Gesicht mit leicht asiatischen Zügen. Wie ich war er teils polnischer Abstammung. Wir verstanden uns auf Anhieb – es war, als hätte man einen verlorenen Bruder wiedergefunden.

Wir gehörten derselben Clique an: Jungs aus verschiedenen Dörfern, alle in etwa gleich alt, die auf Gymnasien oder anderen Schulen waren. Samstags trafen wir uns in der Disko, lachten, feierten, spielten Fußball oder fuhren gemeinsam zu Festen. Andy und ich wurden unzertrennlich. Unsere Witze, unsere Gespräche – alles passte. Es war, als wären wir seelenverwandt.

Einmal besuchten wir zusammen die Rheinlandschau in Jülich. Ein anderes Mal fuhren wir mit der Clique in die nächste Disko. Immer war er an meiner Seite. Ich konnte mir ein Leben ohne ihn kaum vorstellen.

Andy hatte vor kurzem das Abitur gemacht und wurde kurz darauf zur Bundeswehr eingezogen.

Es war ein Samstag. Wir hatten uns verabredet, abends gemeinsam in die Disko im Nachbardorf zu fahren.

Doch Andy kam nicht.

Auf dem Weg von der Bundeswehr nach Hause war er auf der Autobahn tödlich verunglückt. Es war ein entgegenkommendes Fahrzeug, ein Geisterfahrer, wie wir früher sagten – Andy hatte keine Chance zum Ausweichen.

Ich konnte nicht zur Beerdigung gehen.

Ich hatte einfach nicht die Kraft dazu.

Der Verlust traf mich mitten ins Herz. Ein Stück von mir selbst war mit ihm gestorben.

Ich konnte nicht ertragen, den Sarg zu sehen, wie er in die Erde gelassen wurde. Allein der Gedanke daran war unerträglich.

Für mich blieb Andy lebendig – in meiner Erinnerung, in unseren Gesprächen, in jedem Lachen, das ich mit ihm geteilt hatte.

Wenn alte Menschen starben – Großeltern, Verwandte –, konnte ich das irgendwie verstehen. So war das Leben.

Aber wenn jemand in meinem Alter starb, ein Freund, ein Bruder im Geiste – das war anders. Das war sinnlos.

Und es blieb nicht allein bei Andy.

Arnim starb an Krebs. Menno kam bei einer Autorally ums Leben. Zwei andere Freunde verunglückten mit dem Moped.

Der Tod meines Bruders Jahre später traf mich längst nicht so tief.

Doch Andys Tod hatte etwas in mir verändert. Eine Leere blieb zurück.

Mit der Zeit lernte ich, mit solchen Verlusten umzugehen.

Ich zog oft um, lebte in verschiedenen Städten, lernte neue Menschen kennen – und ließ alte Freundschaften zurück.

Es fiel mir immer leichter, loszulassen. Vielleicht, weil ich wusste, dass jeder Abschied nur eine Fortsetzung dessen war, was ich mit Andy gelernt hatte:

Menschen kommen. Und Menschen gehen.

Die ersten Schritte ins Erwachsenenleben

Schon während der Handelsschule hatte ich meine ersten Jobs – in einer Kartonfabrik in Jülich, als Kellner oder indem ich älteren Nachbarn half. Zum ersten Mal erlebte ich, was es bedeutete, eigenes Geld zu verdienen – und das fühlte sich gut an.

Dazu kam die staatliche Förderung, das „Schüler-BaföG“, das ich der SPD zu verdanken hatte. Dieses Geld war meine Eintrittskarte in ein selbstbestimmteres Leben.

Ein Auto zu besitzen war für mich mehr als Luxus – es war „lebenswichtig“.

Mein nächster schulischer Schritt führte mich an die Fachoberschule für Wirtschaft in Aachen. Endlich hatte das Elend mit Stenografie und Maschinenschreiben ein Ende. Stattdessen kamen neue Fächer dazu: Betriebswirtschaftslehre, Buchführung, höhere Mathematik etc. – und auch Religion, unterrichtet von einem katholischen Pfarrer, der uns weniger Theologie als Sozialpsychologie lehrte.

Dieser Unterricht in Psychologie faszinierte mich. Zum ersten Mal hörte ich von Themen, die mit dem Denken, Fühlen und Verhalten von Menschen zu tun hatten. Es war, als ginge ein neues Fenster in meinem Kopf auf.

Da ich in Aachen nun öfter abends in Kneipen unterwegs war, Freunde traf und manchmal etwas angetrunken wieder nach Hause fuhr, musste ich eine Entscheidung treffen.

Ich suchte mir ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft.

Denn mit dem Auto betrunken zu fahren, war gefährlich – und die Polizei in der Gegend war für mich plötzlich wachsamer geworden. Mehrmals wurde ich angehalten und musste in ein Röhrchen pusten. Ich erklärte den Beamten dann mit ernster Miene, dass ich nur noch einen halben Lungenflügel hätte und starker Raucher sei. Nach kurzer Diskussion durfte ich dann immer weiterfahren – offenbar wollten sie kein medizinisches Risiko eingehen.

Einmal, in meiner Stammkneipe, sprach mich jemand an: „Wenn du nachts am Verteilerring auf die Autobahn willst, fahr um halb zwei. Dann ist Schichtwechsel bei der Polizei.“

Er grinste, trank sein Bier aus – und sagte: „Ich hab dich übrigens auch schon mal kontrolliert.“

Ich gab ihm eins aus.

So freundlich können Polizisten sein.

Hochschulreife und Studium

Der Abschluss an der Fachoberschule verschaffte mir den Zugang zur Fachhochschule für Wirtschaft – ebenfalls in Aachen.

Das Studium an der Fachhochschule für Wirtschaft war in den ersten Semestern meist nur eine Wiederholung dessen, was ich bereits an den Wirtschaftsschulen gelernt hatte.

So blieb mir genügend Zeit, nebenbei zu jobben.

Ich arbeitete auf dem Bau – mit Hammer und Meißel –, half einer Friedhofsgärtnerei oder übernahm Haus- und Gartenarbeiten bei Privatleuten. Ich konnte also durchaus auch handwerklich tätig sein.

Wenn meine Familie das gesehen hätte: Bubi, der spätberufene Handwerker!

Am meisten Spaß machte mir jedoch die Arbeit als Auslieferungsfahrer für eine Spedition. Ich bekam dafür einen VW-Bulli und konnte damit durch Aachen bis in die Vor-Eifel düsen.

Auch die Studentenvermittlung hatte stets die ausgefallensten Jobs im Angebot – mal für ein oder zwei Wochen bei Firmen, mal bei Privatleuten: Rasen mähen, Hecken schneiden – und danach mit der alleinstehenden Witwe noch einen Kaffee trinken.

Die Dame von der Studentenvermittlung rief mich morgens an und bot mir mehrere Jobs zur Auswahl an. Ein großartiger Service des Arbeitsamtes.

Diese Zeit forderte mich dennoch sehr. Neben meinen studentischen Arbeitsstellen fuhr ich ein- bis zweimal pro Woche nach Hause zu meinen Eltern. Meiner Mutter ging es in dieser Zeit bereits sehr schlecht. Sie musste regelmäßig in die Kreisstadt zur Bestrahlung der Lunge.

Das Zimmer in der Wohngemeinschaft bedeutete für mich eine neue Form von Freiheit.

Auch wenn es dort nur ein Waschbecken mit fließend kaltem Wasser gab und ich mir mit vier weiteren Studenten eine Toilette teilte – für mich war es ein Stück Unabhängigkeit. Vor allem war es praktisch, um nach dem Kneipenbesuch nicht mehr Auto fahren zu müssen – und manchmal auch, um ein Mädchen mit ins Zimmer zu bringen.

Welch eine Freiheit sich plötzlich für Bubi auftat!

Zu dieser Zeit ging es meiner Mutter immer schlechter. Mein Vater war inzwischen in den Vorruhestand gegangen und pflegte sie bis zu ihrem Tod. Sie wurde gerade einmal fünfzig Jahre alt.

Mein Vater kam aber mit dem Alleinsein nicht zurecht.

Er hatte zwar eine gute Rente, seinen Garten und sein Mercedes Coupé – doch es ging ihm sichtlich schlecht. Er verfiel in Depressionen, saß meist am Esszimmertisch und trank.

Eines Abends wurde er nach dem Besuch der Dorfkneipe überfallen, übel zusammengeschlagen und ausgeraubt.

Er lag monatelang im Krankenhaus. An den Tathergang konnte er sich nicht erinnern.

Der Schlag auf den Kopf hatte eine Sehne im Gesicht zerrissen, sodass eine Hälfte seines Gesichts herabhing.

In dieser Zeit musste ich mich fast täglich um ihn kümmern – und um das Haus.

Als er schließlich wieder zu Hause war, hatte er schnell eine neue Freundin gefunden. Doch seine Trunksucht nahm dadurch kein Ende.

Oft riefen mich seine Freundinnen an, weil sie „es mit ihm nicht mehr aushielten“. Dann kümmerte ich mich wieder um ihn – und bald kam die nächste.

Trotz der vielen Jobs und der häufigen Fahrten nach Hause lief mein Studium ganz gut.

Nur die höhere Mathematik bereitete mir Kopfzerbrechen.

Die Betriebswirtschaftslehre war teilweise interessant, aber Controlling – die höhere Buchführung – lag mir nicht besonders.

Viel spannender fand ich die Wahlfächer „Sozialpsychologie“ und „Wirtschaftspädagogik“.

Besonders faszinierte mich „Marketing und Marktforschung“.

Für ein Marktforschungsinstitut führte ich in dieser Zeit zahlreiche Befragungen durch. Das war aufregend – ich traf Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen, mit den verschiedensten Meinungen zu den unterschiedlichsten Themen.

Vieles, was ich in den vorherigen Schulen gelernt hatte, konnte ich dann in meiner Examensarbeit anwenden.

Aus mehreren Themen wählte ich „Marketingstrategie“.

Ich entwarf ein kybernetisches System – von der Ideengenerierung bis zur Produktvermarktung – mit allen strategischen Entscheidungsschritten, die dazugehören.

Erfahrungen, Erkenntnisse und Abschiede

Bubi hatte inzwischen gründlich gelernt, wie das Leben funktioniert – mit all seinen Höhen und Tiefen.

Er wusste nun, worauf es ankommt.

Und er wusste, wie er sich selbst darstellen konnte. Das Selbstvertrauen war gewachsen. Er war nicht mehr der kleine Junge vom Land.

Mit dieser neuen Stärke ging ich den nächsten Schritt: zur Universität nach Duisburg.

Ich schrieb mich für „Wirtschaftswissenschaften“ ein – mit dem Schwerpunkt „Marketing und Marktforschung“.

Als Nebenfächer wählte ich „Sozialpsychologie“, „Wirtschaftspädagogik“, „Informatik“ und „Plakatgestaltung“.

Wie spannend das alles war!

Von vielem hatte ich bisher nur wenig Ahnung, und doch wuchs meine Neugier mit jedem neuen Wissensgebiet, das in meinen Stundenplan passte.

Ich hatte beinahe eine Vierzigstundenwoche – und liebte sie.

Bubi hatte mit der Aufnahme an der Universität etwas erreicht, das er früher nie für möglich gehalten hätte.

An einer Universität zu studieren – das war für ihn das Größte.

Doch nicht alle freuten sich mit mir.

Mein Bruder zeigte offen seine Missgunst. Er sagte den Satz, den ich nie vergessen werde:

„Ich werde dir niemals helfen, wenn du einmal Hilfe brauchst.“

Das erschütterte mich nicht – ich kannte ihn ja nicht anders.

Seit seiner Hochzeit und der Geburt seiner Tochter hatten wir ohnehin keinen Kontakt mehr. Seine Tochter Stefanie sah ich nur ein einziges Mal – da war sie etwa ein halbes Jahr alt.

Im Alter von 35 Jahren verunglückte mein Bruder bei einer privaten Arbeit auf der Zeche.

Er wollte für seinen Schwiegervater ein Geländer aus Schmiedeeisen herstellen. Dazu hatte er einen Eisenstab in eine Bohrmaschine eingespannt, um ihn zu bearbeiten. Als das Gerät plötzlich blockierte, versuchte er mit einer Zange es wieder in Bewegung zu bringen. Dann setzte sich die Bohrmaschine erneut in Gang – und die Zange schleuderte ihm ins Gesicht.

Nach drei Tagen im Koma starb er.

Mein Vater und ich hatten danach nie wieder Kontakt zu seiner Frau und zu Stefanie.

Mit der Zeit wurde mein Vater dement.

Er erhielt eine Pflegestufe, und täglich kam jemand vom Pflegedienst, um sich um ihn zu kümmern.

Auch ich besuchte ihn regelmäßig – etwa alle zwei Tage – und rief täglich an, um zu hören, wie es ihm ging.

Kurz zuvor war auch seine letzte Freundin verstorben.

Dann kam der Anruf: Mein Vater war auf der Treppe gestürzt und musste ins Krankenhaus.

Er hatte sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen. Nach der Operation fragte er mich im Halbschlaf:

„Bin ich im Himmel?“

Er sollte sein Haus nie wiedersehen.

Nach einigen Wochen brachte man ihn auf die Geriatrie des Krankenhauses.

Ein paar Monate später holte ich ihn in ein Pflegeheim an meinem Wohnort.

Damit er sich dort wohler fühlte, richtete ich sein Zimmer mit vertrauten Möbelstücken aus seinem Haus ein.

Er verstarb schließlich im – für einen Bergmann – hohen Alter von 86 Jahren.

Studentenwohnheim und Uni-Abschluss

Bubi war von da an ganz ohne Familie.

Ich konnte mich nun voll auf mein Studium konzentrieren – auf meinen zweiten Abschluss in Wirtschaftswissenschaften.

Nach einigem Zögern entschied ich mich, ein Zimmer im Studentenwohnheim zu nehmen. Die meisten WG-Einheiten bestanden aus drei Zimmern: Jeder Student hatte sein eigenes Zimmer, doch Küche und Bad wurden gemeinsam genutzt.

Während der Semesterferien arbeitete ich in Alsdorf bei WEA/RCA, einer amerikanischen Firma, die Musikkassetten und Schallplatten produzierte und vertrieb. Ich war dort in der Personalabteilung tätig – zuständig für Statistiken und den Kontakt zu den Abteilungsleitern.

Meine Kollegin, fest angestellt, verbrachte ihre Arbeitszeit lieber mit der Verschönerung ihrer Fingernägel. So blieb die halbe Personalabteilung an mir hängen.

Ich erstellte Personalstatistiken, stellte Aushilfskräfte ein und schrieb Memos, wenn etwas nicht funktionierte oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kritisiert werden mussten.

Von Zeit zu Zeit wurde der Katalog der Tonträger – also der MCs und LPs – aktualisiert. Einige Titel oder Künstler wurden gestrichen, andere neu aufgenommen.

Die Tonträger auf der „Streichliste“ wurden anschließend an das Personal verkauft – für zwei Mark pro Stück, während der Ladenpreis bei zwölf bis fünfzehn Mark lag.

Ich musste nicht lange überlegen: Täglich kaufte ich etwa zwanzig verschiedene Tonträger, um sie später im Studentenwohnheim weiterzuverkaufen. Die Differenz war lukrativ, und das Geschäft lief bestens.

Der Song „Hotel California“ von den Eagles war der Renner. Fast jeder im Wohnheim wollte ihn haben. Aus irgendeinem Zimmer klang er immer – Tag und Nacht. Ich bin sicher, viele erinnern sich heute noch an jene Zeit, wenn dieser Oldie im Radio läuft.

Alles in allem war es eine großartige Zeit im Wohnheim.

Nur die Maschinenbaustudenten nahmen kaum Rücksicht, wenn man unter ihrer Etage für Klausuren oder Examina lernte.

Besonders auffällig waren die Studenten aus dem Vereinigten Königreich. Der Hausmeister schlug regelmäßig die Hände über dem Kopf zusammen, wenn er von den zerbrochenen Scheiben in den Etagentüren erzählte – oder von demolierten Betten und Schränken in den Zimmern.

Und nicht zuletzt hängten sie Lautsprecher aus den Fenstern und spielten alte Hitlerplatten ab.

Die Universität selbst lag wunderschön – mitten im Grünen, wenn auch noch nicht vollständig fertiggestellt. Zwei Baracken dienten als Vorlesungsräume; sie standen sogar noch, als wir unsere Examensklausuren schrieben.

Die wirtschaftswissenschaftlichen Marketingtheorien – von den Handelsschulen über die Hochschule bis hin zum Uniabschluss – hatten mich geprägt.

Ich erinnerte mich an meine erste Examensarbeit an der Fachhochschule.

In meiner zweiten Arbeit vertiefte ich deren Struktur und Inhalt noch einmal im Detail.

Die Marketingstrategie stellte ich als kybernetisches System mit mehreren Untersystemen dar.

Für das abschließende Gespräch zu meiner Examensarbeit bat mich mein Professor, ihn in Duisburg abzuholen und anschließend zu ihm nach Hause nach Meerbusch zu fahren.

Dort, meinte er, könnten wir mein Thema in Ruhe besprechen.

Er besaß zwar einen Führerschein, fuhr aber seit Jahren nicht mehr selbst; meist nutzte er öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad.

Für mich war es eine Ehre, ihn zu chauffieren.

Bei ihm angekommen, gab es zunächst einen kleinen Snack – Chicoréesalat und Brot. Dann gingen wir Seite für Seite meine Arbeit durch.

Zum Schluss meinte er, ich bräuchte noch ein Abschlusswort.

„Schreiben Sie mal eben mit“, sagte er, und formulierte drei oder vier Sätze, die ich Wort für Wort übernahm.

Damit war das Schlusswort fertig.

Ich darf wohl vermuten, dass ich der einzige Student war, dem ein Professor das Ende seiner Examensarbeit geschrieben hat – ein Zeichen persönlicher Sympathie und Wertschätzung, wie ich glaube.

Mit dem Gesamtergebnis war ich zufrieden.

Eigentlich wollte ich nur noch die Universität hinter mir lassen.

Ich war so viele Jahre zur Schule und zu Hochschulen gegangen – eine Promotion kam für mich nicht infrage.

Das Interesse fehlte, und ich wollte endlich das Gelernte in die Praxis umsetzen.

Außerdem lag mein Notendurchschnitt bei 3,0 – zu wenig für eine Dissertation.

Trotzdem hätte ich das Thema meiner Examensarbeit gern noch vertieft.

Die kybernetische Marketingstrategie war damals ein völlig neuer Ansatz in den Wirtschaftswissenschaften.

Zum Schluss standen noch die mündlichen Prüfungen an.

Wer zwischen zwei Noten stand, konnte sich verbessern – oder abrutschen.

Für mich waren es die Prüfungen in Recht und Volkswirtschaftslehre.

Der Jura-Professor begann mit einer Frage, die uns völlig aus der Fassung brachte:

„Stellen Sie sich vor, eine junge, hübsche Frau geht nackt über den Bahnhofsvorplatz. Wie beurteilen Sie das?“

Wir sahen uns ungläubig an – das hatte doch nichts mit dem zu tun, was wir gelernt hatten.

Ein Kommilitone stammelte etwas vor sich hin, doch der Prüfer winkte nur ab. Danach folgten weitere Fragen, die wir mal besser, mal schlechter beantworten konnten.

Am Ende änderte sich an unseren Noten nichts mehr. Wir hatten bestanden – und das war alles, was zählte.

Etwas anders verlief die Prüfung in Volkswirtschaftslehre.

Auch hier wurden Fragen gestellt, die wir unterschiedlich gut beantworteten.

Einer unserer Kommilitonen, der schon keine gute Vornote hatte, traf es hart: Der Dozent verabschiedete uns freundlich mit den Worten, er wünsche uns alles Gute für die Zukunft.

Beim Prüfungsamt stellte sich dann heraus, dass er dem betreffenden Studenten eine glatte Fünf gegeben hatte.

Der war fassungslos – er hatte bereits eine feste Zusage für eine Stelle in Hamburg. Nun musste er das Fach ein Semester wiederholen.

Berufswelt

Ich hatte es tatsächlich geschafft – zwei akademische Abschlüsse in der Tasche.

Aber was nun?

Welchen Weg würde Bubi nun gehen, nachdem er einen für sich fast unmöglichen Werdegang hinter sich gebracht hatte?

Bubi hielt inne – erstaunt über das, was er erreicht hatte. Er, der aus einfachen Verhältnissen kam, hatte etwas geschafft, das für ihn früher undenkbar gewesen wäre.

Jetzt wollte Bubi sein theoretisches Wissen endlich in die Praxis umsetzen.

Ich bewarb mich bei mehreren Markenunternehmen. Mein Professor wollte mich an eine große Werbeagentur in Münster vermitteln – ein interessantes Angebot, doch Münster war mir zu weit von der Heimat entfernt.

Auch einige Personalvermittler zeigten Interesse, aber auch diese Angebote lehnte ich aus demselben Grund ab. Ich wollte einfach in der Nähe bleiben.

Dann kam ein Angebot der staatlichen italienischen Exportförderungsgesellschaft in Düsseldorf.

Dort wurde ich der erste deutsche Mitarbeiter mit Universitätsabschluss – das machte mich neugierig, und ich sagte zu.

Ich baute dort die sekundärstatistische Marktforschung auf und bekam nach einem Jahr mein erstes eigenes Projekt: die Förderung der italienischen Keramikfliesenindustrie.

Ich besuchte Messen in Italien, führte Gespräche mit hochrangigen Industrievertretern aus Deutschland und Italien, mit Fachjournalisten, Unternehmensberatern und Werbeagenturen.

Bis dahin hatte das Düsseldorfer Büro vor allem eines getan: Fotokopien von deutschen Adressbüchern an italienische Firmen geschickt – um Handelskontakte zu ermöglichen.

Ich war fassungslos über einen derart simplen Service.

Was dagegen recht gut angenommen wurde, waren die Ausstellungen italienischer Hersteller in unseren Ausstellungsräumen.

Ich überlegte, wie man diese Arbeit verbessern könnte.

Ich entwickelte ein Werbekonzept zur Exportförderung, das weit über die bisherigen Tätigkeiten hinausging – eine marketingorientierte Werbestrategie für die italienische Fliesenindustrie.

Allerdings standen mir dafür keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung.

Ich musste mit dem arbeiten, was der italienische Staat bereitstellte.

Ich bündelte die Angebote und Materialien mehrerer italienischer Institutionen und initiierte „Italienische Fliesenwochen“ bei deutschen Baustoffhändlern.

Dafür erhielten die Händler von unseren italienischen Partnern im Fremdenverkehrsamt Trachten, vom Weininstitut mehrere Kisten Wein, Werbebroschüren zur Fliesenindustrie und weiteres Material. Auch die italienischen Fliesenwerke beteiligten sich.

Ich informierte die lokale Presse und die Fachzeitschriften aus Düsseldorf heraus.

Nach einigen Monaten besorgte ich mir eine große Deutschlandkarte.

Für jeden Ort, an dem eine Fliesenwoche stattgefunden hatte, klebte ich einen Punkt auf.

Schon nach einem Jahr war die Karte übersät mit Punkten – ein sichtbarer Erfolg.

Dieser Erfolg motivierte mich, die Aktion auf Österreich auszuweiten.

Auch dort lief es hervorragend – bis sich ein italienischer Funktionär des Wiener Instituts beschwerte, ich hätte ihn übergangen.

Unser Chef in Rom, direkt dem Außenminister unterstellt, wies ihn jedoch an, mich künftig zu unterstützen.

Bei meinem letzten Besuch der „Cersaie“ – der internationalen Messe für Keramikprodukte in Bologna – traf ich wieder auf den Vorsitzenden des italienischen Fliesenverbands mit seinem Mitarbeiterstab.

Ich war in Eile, da ein Gespräch mit der deutschen Fachpresse anstand. Eine kurze Begrüßung musste aber sein.

Doch dann rutschte mir beim Handschlag heraus:

„Buon giorno, Signor Avocado!“

Blitzschnell schoss mir der Gedanke durch den Kopf: Ich muss hier weg!

Statt „Avvocato“ – der korrekten Anrede für einen Rechtsanwalt – hatte ich ihn mit dem südländischen Obst verwechselt.

Ich verabschiedete mich rasch, in der Hoffnung, dass niemand den Versprecher allzu ernst nahm. Als Deutscher durfte man sich ja mal versprechen – und für eine Entschuldigung auf Italienisch war keine Zeit mehr.

Ich hatte ohnehin meine Schwierigkeiten mit dem Industrieverband.

Durch meine ständige Präsenz in der Fachpresse hatte ich mir den Ruf erworben, der Repräsentant der italienischen Fliesenindustrie zu sein. Ein kurzer Anruf bei einer Redaktion genügte, und ich bekam ein Interview oder konnte ein Statement platzieren.

Ich traf die Fachjournalisten regelmäßig auf Messen in Italien oder Deutschland – wir waren längst „per Du“.

Mehr als „per Du“ war allerdings meine Sekretärin – sie hatte ein Verhältnis mit dem Assistenten des Verbandschefs der italienischen Fliesenindustrie.

Ich konnte also sicher sein, dass jedes Wort, das sie von mir im Büro hörte, umgehend nach Italien weitergegeben wurde.

Ich lernte, jedes Gespräch sorgfältig abzuwägen.

Montagmorgens fand immer eine Besprechung mit meinem Vorgesetzten, dem Dottore, statt.

Er berichtete mir dann ausführlich, was er in der Woche zuvor alles erfahren und gelernt hatte.

Für mich war das meist nichts Neues und ehrlich gesagt wenig spannend. Manchmal erinnerte er mich daran, dass ich ihm auch zuhören müsse – als ob ich das nicht täte.

Wenn zwischendurch das Telefon klingelte, fragte er mich allen Ernstes, wer ihn da wohl anrufe.

Ich arbeitete sehr eigenständig und sah mich bald als eine Art „Abteilung für sich“.

Doch mit dem neuen Direktor aus Rom änderte sich das schlagartig. Er löste mein persönliches Archiv auf, das nun ins Gesamtarchiv eingegliedert wurde, und führte Großraumbüros ein.

Mein eigener Raum verschwand.

Und das war erst der Anfang.

Er ließ Kameras im Flur installieren, um vom Schreibtisch aus zu sehen, wer das Haus verließ.

Dann kam ein Rundschreiben: Wer das Gebäude verlassen oder einen Außentermin wahrnehmen wollte, benötigte fortan eine schriftliche Ausgangsgenehmigung von ihm.

Die Kaffeemaschine wurde aus „Sicherheitsgründen“ entfernt – fortan brachte jeder seine eigene Thermoskanne von zu Hause mit.

Zunächst akzeptierte ich das, doch bald fasste ich einen Entschluss: Ich würde einfach gehen, wann ich wollte – ohne Erlaubnis.

Ich besuchte regelmäßig den nahegelegenen Tchibo-Laden und trank dort meinen Kaffee.

Ich hielt diese Vorschriften für eine Schikane, die einem erwachsenen, akademisch ausgebildeten Menschen nicht zuzumuten war.

Hin und wieder ließ der Direktor über seine Sekretärin Mitteilungen verteilen, dass niemand das Gebäude ohne Genehmigung verlassen dürfe.

Er selbst sprach mich nie darauf an.

Unter Kollegen nannten wir ihn nur den „Kameramann“.

Später, als ich längst selbstständig war, erfuhr ich, dass unser Chef in Rom ihn nach New York versetzt hatte – allerdings musste er dort erst Englisch lernen.

Sein Aufenthalt verlief wohl nicht gut: Er geriet in Konflikte mit der dortigen Mafia und ließ sich bald wieder nach Deutschland versetzen.

Ein Jahr später erlitt er, wie ich hörte, einen Schlaganfall.

Ich selbst hatte im Institut eine angesehene Sonderstellung.

Eines Tages rief mich der Direktor zu sich:

In Zusammenarbeit mit dem Römisch-Germanischen Museum in Köln sollte eine Ausstellung vorbereitet werden, und ich sollte sie als Repräsentant Italiens betreuen.

Das war eine willkommene Abwechslung.

Mein Dottore hatte aus Rom die Unterlagen erhalten und sollte sie dem Museumsdirektor und seinen Mitarbeitern vorstellen.

Wir reisten gemeinsam nach Köln zur offiziellen Planungssitzung.

Zu meiner Verwunderung ließ sich mein Dottore dort durchgehend mit dem Namen unseres Direktors ansprechen.

Ich bemerkte es, sagte aber nichts.

Dann öffnete er seine Aktentasche, legte einige Dokumente vor und erntete dafür ein Lob vom Museumsdirektor.

Kurz darauf erklärte er, man wolle nun doch „etwas anderes“ machen – und holte neue Papiere hervor.

Ich dachte nur: Wie peinlich kann das noch werden?

Was, wenn jemand bemerkt, dass er einen falschen Namen angibt?

Aber ich blieb ruhig. Ich konnte ihn ja nicht bloßstellen – und doch so tun, als wäre alles normal.

Nach dem Treffen fragte er mich:

„Haben Sie bemerkt, dass die Leute vom Museum mich mit dem Namen unseres Direktors angesprochen haben?“

Ich überlegte kurz und antwortete dann:

„Ja, aber das liegt sicher daran, dass Sie einen so hervorragenden Eindruck gemacht haben. Die Museumsleitung hielt Sie wohl für den Direktor unseres Instituts.“

Diese Antwort freute ihn sichtlich. Er war stolz auf seinen gelungenen Auftritt.

Da ich im Institut diese gewisse Sonderrolle hatte und wenig Kontakt zu den übrigen Mitarbeitern suchte, galt ich manchen als arrogant, anderen als interessant.

Arrogant wohl für jene, die sich am Mobbing anderer Kollegen beteiligten. Interessant war ich vielleicht dann doch für manche Sekretärinnen.

Ich trug meist weiße Turnschuhe, Bluejeans, Krawatte und ein blaues Seidenjackett – eine für damalige Zeiten eher unkonventionelle Kombination.

Mit den Sekretärinnen verstand ich mich gut; der Umgang war stets freundlich und respektvoll.

Eine meinte einmal lächelnd, „im Strandkorb wackle es nicht nur, wenn der Wind weht“, eine andere fragte, was ich zum Frühstück esse.

Ich antwortete in beiden Fällen mit einem wohlwollenden Lächeln.

Nachdem ich einige Jahre im Dienst der italienischen Industrie gearbeitet hatte, bot mir der Direktor ein neues Projekt an.

Ich sollte nun für die italienische Zulieferindustrie tätig werden – nach dem Motto:

„Sie waren doch für die Fliesenindustrie so erfolgreich, nun steht dieses neue Projekt an.“

Ich willigte zwar ein, suchte aber bereits nach einer neuen Herausforderung – diesmal in der deutschen Industrie.

Mein Nachfolger im Fliesenprojekt, ein junger Italiener, kam regelmäßig an meinen Schreibtisch und fragte, wie er dieses oder jenes angehen solle.

Es war nicht leicht, ein bestehendes Projekt zu übernehmen – doch es kam noch schlimmer:

Der deutsche Verband, zu dem ich stets ein sehr gutes Verhältnis gepflegt hatte, informierte den italienischen Verband, dass die „Italienischen Fliesenwochen“ in Deutschland und Österreich gegen die EU-Regeln verstießen.

Sie verlangten, dass diese Werbemaßnahmen umgehend eingestellt werden müssten.

Ein gutes Beispiel dafür, was es in der Wirtschaft bedeutet, gut vernetzt zu sein.

Die Selbstständigkeit

Im Institut hatten wir durch unsere vielfältigen Projekte regelmäßig Kontakt zu Unternehmensberatern.

Eines Tages sprach mich der Berater eines großen deutschen Handelsinstituts an.

Er fragte, ob wir nicht auch eine Studie über den deutschen Baustoffmarkt – insbesondere über den Fliesenmarkt – benötigen würden.

Ich erklärte ihm, dass ich den deutschen Markt bereits seit Jahren beobachtete und bestens informiert sei.

Nach einer Weile meinte er, ob ich mir vorstellen könne, nebenberuflich für sein Institut die eine oder andere Studie zu erstellen.

Ich überlegte kurz und sagte ihm, dass ich darüber nachdenken würde.

Einige Tage später fuhr ich nach Köln und ließ mich von seinen Mitarbeitern genauer informieren.

Nach einem ersten Blick in die bisherigen Studien des Instituts war mir klar, dass die Anforderungen für mich gut zu bewältigen waren.

Als ich die erste von mir erstellte Studie dem Institutsleiter vorlegte, folgten prompt Aufträge für drei weitere Studien aus dem Baustoffbereich.

Aber Bubi ist ja nicht dumm...

Ich hatte gesehen, dass meine Arbeiten sehr gut ankamen – sie waren detaillierter und umfangreicher als die bisherigen Studien der Unternehmensberatung.

Da kam mir der Gedanke, diese Art von Studien künftig unter eigenem Namen zu veröffentlichen.

Meine erste selbstständige Studie – über den deutschen Biermarkt – wurde ein unerwarteter Erfolg.

Dieser Erfolg blieb natürlich nicht ohne Folgen:

Die Unternehmensberatung reagierte verärgert.

Man wolle mir, so der Chef, „den Teppich unter den Füßen wegziehen“, wenn ich weitermachen würde.

Gleichzeitig bot er mir eine feste Anstellung in seinem Haus an.

Er nannte mir ein Jahresgehalt – etwa die Hälfte dessen, was ich im ersten Jahr meiner nebenberuflichen Selbstständigkeit bereits verdient hatte.

Da ich eine Festanstellung grundsätzlich nicht ausschloss, nannte ich ihm eine etwas niedrigere Zahl als mein derzeitiger Gewinn als Gegenvorschlag.

Darauf meinte er nur, dass er selbst nicht einmal so viel verdiene.

Damit war das Gespräch beendet.

Ich war jedoch bereit, die noch offenen Studienaufträge, die ich zuvor übernommen hatte, ordnungsgemäß abzuschließen.

Zum Abschied wiederholte er seine Drohung, man werde mir „auf dem Studienmarkt das Leben schwer machen“.

Doch Bubi ließ sich von solchen Worten nicht beeindrucken.

Organisation der Selbstständigkeit

Ich hatte es geschafft: meinen ersten wirtschaftlichen Erfolg.

Dem Direktor des italienischen Instituts legte ich meine Kündigung vor.

Er bot mir eine Gehaltserhöhung an – wenn ich nur bleiben würde.

Aber das kam für mich nicht mehr infrage.

Es war kurz vor Jahresende.

Ich hatte noch Urlaubsanspruch, sodass ich im neuen Jahr nur noch wenige Wochen dort arbeiten musste.

Nun musste das Unternehmen eingerichtet werden.

Meine Vorstellung war klar: eine Eigentumswohnung mit einem separaten Büroraum.

Und mit dem ersten Gewinn auf dem Konto war die Umsetzung nicht allzu schwierig. Ich fand schließlich eine Wohnung in der Krefelder Innenstadt – schön zentral gelegen.

Das Gebäude stammte aus der Zeit um 1910 und hatte einst einem Zigarrenfabrikanten gehört, der seine Produktionsräume im Erd- und Kellergeschoss betrieben hatte.

Die vorderen, repräsentativen Räume richtete ich als Büro ein: Parkettboden, hohe Decken, halbhohe Holzvertäfelungen mit einem darin versteckten Safe, Jugendstil-Bleiverglasung an einem Fenster, eine Einbauglasvitrine – alles aus der Jahrhundertwende.

Eine Umgebung mit Charakter.

Hier konnten Kunden empfangen werden – was gelegentlich auch geschah.

Eines Nachmittags klingelte es an der Tür.

Vor mir stand ein elegant gekleideter Herr, der sich für den Kauf einer Studie interessierte.

Wie sich herausstellte, war er Manager der Bayer-Werke.

Ich selbst trug gerade Jeans und einen bequemen Pullover.

Er fragte, ob der Chef im Büro sei.

Blitzschnell reagierte ich und erklärte, der „Boss“ sei bei einem auswärtigen Kundentermin und würde erst spät zurückkehren.

Der Besucher bat um einen „kurzen Einblick“ in die Studie „Pflanzenschutzmittel“ – und blieb fast zwei Stunden.

Er las aufmerksam, trank Kaffee und verabschiedete sich schließlich mit dem Hinweis, Bayer müsse sich „noch überlegen“, ob man die Studie erwerben wolle.

Was für eine Dreistigkeit – ich konnte ihn ja schlecht rauswerfen.

Den Kaffee hätte ich mir allerdings sparen können.

Ein anderes Mal meldete sich ein potenzieller Kunde telefonisch.

Er wollte mit dem Autor der Studie „Verpackungen“, Jan André Andersen, sprechen, um einige Fragen zu klären.

Spontan sagte ich, ich würde ihn „weiterverbinden“ – und nahm den Hörer mit verstellter Stimme wieder auf.

Ein Fehler, den ich kein zweites Mal machte. Ein ganzes Gespräch in verstellter Stimme zu führen, war eine echte Herausforderung.

Das Geschäft mit den Studien lief in den ersten Jahren erstaunlich gut.

Ich schaltete eine Anzeige beim Arbeitsamt:

Ich suchte freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Erstellung von Branchenstudien.

Es meldeten sich mehrere Interessenten.

Die Zusammenarbeit funktionierte so, dass ich die statistischen Auswertungen zu Produktion und Außenhandel erstellte und die übrigen Themen an meine Mitarbeiter vergab.

Ich sammelte Artikel aus zahlreichen Fachzeitschriften und wertete sie aus. Bald verfügte ich über ein umfangreiches Archiv – meine Studien deckten fast alle Branchen ab.

Alle zwei Jahre wurden sie aktualisiert.

Zeitweise arbeiteten zwei bis drei freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für mich.

Durch meine Präsenz in den Medien ergaben sich auch Kooperationen mit Fachzeitschriften.

Sie übernahmen die Bewerbung meiner Studien, wofür sie eine Umsatzbeteiligung von dreißig Prozent erhielten.

Meine Arbeitstage begannen meist gegen neun Uhr morgens und endeten oft erst um 22 Uhr.

Aber wenn man frei ist, arbeiten zu dürfen, wann man will – und das für die eigene Selbstständigkeit – dann tut man es gerne.

Rückblicke und Erkenntnisse

In den ersten Jahren nach dem Studium fanden jährlich Treffen der ehemaligen Kommilitonen statt. Dort erfuhr ich, welche beruflichen Wege meine früheren Mitstudenten eingeschlagen hatten.

Die meisten erhielten gute Einstiegsgehälter, absolvierten eine Traineeausbildung und bekamen einen Dienstwagen.

Das klang zunächst verlockend – wäre da nicht die enge Bindung an das Unternehmen gewesen, die begrenzte Freiheit und der wenige Urlaub.

Viele wechselten im Laufe der Jahre zwischen Städten: zwei Jahre Hamburg, dann drei Jahre München – und so weiter.

Für die meisten kam nur noch der Pauschalurlaub in einem Clubhotel infrage.

Ich dachte mir dabei stets, dass ich mit ihnen nicht tauschen wollte.

Die Fortführung meiner bisher erreichten Freiheit war für mich das Wichtigste.

Bei einem weiteren Treffen der Ehemaligen begegnete ich meinem früheren Universitätsprofessor wieder – dem Professor, bei dem ich meine zweite Examensarbeit geschrieben hatte.

Er hatte mich damals einmal zu sich nach Hause eingeladen, um die Endfassung meiner Arbeit zu besprechen.

Er sagte damals zu mir, ich sei „genauso wie er“.

Ich wagte nicht, zu fragen, was er damit meinte.

Aus Respekt und aufrichtiger Hochachtung vor seinem Werdegang blieb ich still.

Er war ein außergewöhnlich freundlicher und entgegenkommender Mensch, und doch berührte mich seine Lebensgeschichte tief – fast seine gesamte Familie war in Auschwitz ums Leben gekommen.

Bei diesem letzten Treffen erzählte ich ihm, womit ich mich inzwischen selbstständig gemacht hatte.

Er fand das hochinteressant.

Er meinte, die Erstellung solcher Marktberichte sei eine gewisse Neuheit und sicher auch für Studierende spannend.

Er schlug vor, dass ich meine Arbeitsweise in einer kleinen Vorlesungsreihe – ein oder zwei Termine – vorstellen könnte.

Diese Idee faszinierte mich im ersten Moment.

Ich fühlte mich geehrt, dass er mir das zutraute.

Er kannte mich gut – aus den Gesprächen über meine Examensarbeit und auch, weil er mir während meiner Studienzeit einmal einen Job bei einem Unternehmensberater vermittelt hatte, den er aus früherer Tätigkeit kannte.

Ich sagte ihm, dass mich sein Angebot sehr ehre – doch ich musste ablehnen.

Mein Erfolg beruhte auf einem Konzept, das ich nicht einfach offenlegen konnte.

Ich hätte mein „Geheimnis“ preisgeben müssen.

Denn in Deutschland gab es damals nur zwei Unternehmen, die diese Art von Studien anboten – und ich wollte meinen Vorsprung nicht verlieren.

Er zeigte Verständnis.

Bubi hielt inne, blickte zurück auf seine Herkunft –und auf den langen Weg, den er bis hierhin gegangen war.

Der Konzern aus der Schweiz

Die Berichte, die ich während meiner Selbstständigkeit schrieb, umfassten nahezu alle Branchen.

Nach einigen Jahren war ich in vielen Bereichen bekannt für die Erstellung aussagekräftiger Marktstudien.

Eines Tages erhielt ich einen Anruf von einer Firma, die mir bislang nicht als Kunde bekannt war. Der Mann am Telefon fragte nach einer Neuauflage eines Berichts, der ihm vorliege.

Ich erklärte ihm, dass ich an sein Unternehmen bisher keine Studie geliefert hätte.

Daraufhin gestand er, die Studie stamme von einer Schwesterfirma.

Ich musste ihm erläutern, dass eine Weitergabe der Berichte – auch innerhalb eines Konzerns – ausdrücklich untersagt sei.

Dieser Hinweis befinde sich auch auf der Innenseite jedes Berichts.

Er müsse also den Bericht, den er unrechtmäßig erhalten habe, nachträglich bezahlen.

Das lehnte er ab und verwies auf seinen Mutterkonzern in der Schweiz – ein internationaler Großkonzern mit Beteiligungen im Maschinenbau, in der Verpackungsindustrie und einem der größten Unternehmen der Rüstungsbranche weltweit.

Einige Tage später erhielt ich einen weiteren Anruf – diesmal von einem Herrn, der sich als Chefjustitiar des Konzerns vorstellte.

Er kam sofort zur Sache: Ich hätte keinerlei Anspruch auf eine zusätzliche Zahlung.

Wenn der Mutterkonzern einmal eine Studie erworben habe, könne er diese vervielfältigen und an alle verbundenen Unternehmen weitergeben.

Das sah ich natürlich völlig anders.

Ich erwiderte: „Wenn Sie beispielsweise bei einem Softwareunternehmen wie Microsoft ein Programm kaufen, müssen Sie doch sogar für jeden Arbeitsplatz eine eigene Lizenz erwerben.“

Daraufhin entstand eine hitzige Diskussion, die fast eine Stunde dauerte.

Wir tauschten Argumente aus, jeder mit zunehmender Vehemenz. Irgendwann verfielen wir beide ins Duzen – und führten das Gespräch in diesem Ton weiter.

Schließlich erklärte ich ihm, ich werde meine Mitbewerber darüber informieren, dass bei dieser Firma Studien einfach kopiert würden, und ich werde vorschlagen, das Unternehmen auf eine „Schwarze Liste“ zu setzen, damit es künftig von keinem Studienanbieter mehr beliefert werde.

Mir war klar, dass es bei dieser Drohung bleiben würde – aber sie saß.

Er wurde wütend und ungehalten.

Er meinte, ich wisse wohl nicht, mit wem ich es zu tun hätte.

Ich antwortete ruhig, dass mich das nicht besonders beeindrucke.

Das hatte Bubi allerdings auch nicht sonderlich beeindruckt. Im Gegenteil – es machte ihm sogar Spaß.

Natürlich war mir nach diesem Gespräch klar, dass ich an diesen Konzern nie wieder eine Studie verkaufen würde.

Aber wann hat man schon die Gelegenheit, mit einem dieser hochrangigen Deppen in diesem Ton zu sprechen?

Von daher hatte sich die Sache doch gelohnt –

wenn auch nicht finanziell.

Die Schweizer sind schließlich auch nicht die ganze Welt.

Familiengründung

Ich hatte mich mit meinem Unternehmen gut etabliert.

Das Konto war gut gefüllt, und die Eigentumswohnung war bereits nach zwei Jahren abbezahlt.

Mit rund vierzig Jahren hatte ich ein Alter erreicht, in dem andere längst Familie und Kinder im Teenageralter hatten.

Mir war klar, dass ich nur noch zwei Möglichkeiten hatte: eine geschiedene oder verwitwete Frau mit Kindern – oder eine deutlich jüngere Partnerin.

Bubi hielt Ausschau.

Es ergaben sich immer wieder Gelegenheiten – aber welche sollte die Richtige sein?

Ich war viel unterwegs:

Am Wochenende ging es zuerst in die Stammkneipe, danach in die Diskothek.

Das bedeutete reichlich Bier, Nikotin und viele neue Bekanntschaften.

Es war ein anstrengender Lebensrhythmus.

Der Sonntag war mein Ruhetag – absolut heilig.

Ich musste Kraft sammeln für die nächste Arbeitswoche, denn unter der Woche war ich ein echtes Arbeitstier.

Durch die vielen Begegnungen lernte ich schließlich eine sehr sympathische junge Frau kennen.

Sie hatte gerade ihre Ausbildung zur Technikerin abgeschlossen.

Mir schwebte allerdings vor, dass ein Studium für die Zukunft – insbesondere im Hinblick auf mögliche Kinder – von Vorteil wäre.

Mittlere Reife und eine abgeschlossene Ausbildung bildeten eine gute Grundlage für den Besuch eines Abendgymnasiums.

Das war in der Regelzeit machbar, auch wenn bereits das erste Kind „unterwegs“ war.

Die nächste Station war eine größere Wohnung – oder besser gesagt: ein Haus.

In ruhiger Lage, schnell gefunden.

Die Eigentumswohnung wurde verkauft, und schon bald war auch das zweite Kind da.

Für Bubi war das alles kein Problem. Er erledigte alles mit Leidenschaft.

Da ich ohnehin von zu Hause aus arbeitete, war auch der Haushalt kein Thema.

Morgens brachte ich die Kinder in den Kindergarten, meine Frau fuhr zum Studium – zunächst nach Düsseldorf, später nach Essen.

Das Leben war geregelt, so, wie ich es mir gewünscht hatte.

Eines Tages, auf dem Weg zum Kindergarten, sah ich ein freies Ladenlokal direkt am Rhein.

Ich fragte den Vermieter – und schloss noch am selben Tag den Mietvertrag ab.

Etwa hundert Quadratmeter, direkt am Fluss, und das zu einem erstaunlich günstigen Preis.

Dort richtete ich mir nebenbei eine Galerie ein, in der ich auch mein Büro unterbrachte.

Aus meiner umfangreichen Sammlung standen mir viele Bilder zur Verfügung. Bald fanden sich auch Freunde und Bekannte, die eigene Werke ausstellen wollten.

Der Erfolg der Galerie blieb zwar überschaubar, doch das war zweitrangig – wichtig war, einen separaten Ort für meine Studienarbeit zu haben.

Durch den Auszug des Büros aus dem Wohnhaus entstand außerdem mehr Platz – für meine heranwachsenden Töchter und für das Familienleben, das mir zunehmend wichtiger wurde.

Zurück aufs Land

Längere Fahrradtouren führten die Familie durch die umliegenden Landschaften.

Eines Tages erfuhr ich von einem alten Restbauernhof am linken Niederrhein.

Schon bei der ersten Besichtigung war uns klar: Das wird unser neues Zuhause.

Die Lage war perfekt, die Atmosphäre einzigartig.

Im Inneren zeigte sich allerdings schnell, dass noch viel Arbeit vor uns lag.

Neue Türen, Fenster, ein modernes Bad, Fußbodenheizung und eine neue – natürlich umweltschonende – Heizanlage mussten her.

Einige Monate mussten wir überbrücken – mit einem Dixiklo im Garten.

Aber das nahmen wir gelassen.

Wir wurden in der Dorfgemeinschaft herzlich aufgenommen.

Schon als die ersten Materiallieferungen ankamen, bot ein Nachbar spontan Hilfe an – mit seinem Gabelstapler lud er das Baumaterial von der Straße direkt vor die Haustür.

Einen so freundlichen Empfang hatten wir nicht erwartet.

Der erste Blick aus der Loggia im Obergeschoss bestätigte mir:

Diese Entscheidung war goldrichtig.

Auch meine Frau und die Kinder waren begeistert – vom Haus, von der Lage, von der Natur.

Und ebenso freundlich wurden unsere beiden Töchter im Dorf aufgenommen.

Es entstanden rasch Freundschaften, die bis heute bestehen.

Auch das Freizeitangebot war erstaunlich vielfältig: Seifenkistenrennen, Theatervorführungen, Schützenfeste, dazu die jährliche Kirmes und Tanzböden –

ein Leben fast wie in der Stadt, nur schöner.

Der Schulweg der Töchter war durch den Umzug allerdings etwas länger geworden. Anfangs brachte ich sie noch mit dem Auto zur drei Kilometer entfernten Bushaltestelle, später fuhren sie mit dem Fahrrad – erst zur Haltestelle, dann irgendwann direkt zur Schule.

Auch für meine berufliche Tätigkeit gab es nun reichlich Platz.

Der Blick aus dem Bürofenster über die weite, landwirtschaftlich geprägte Umgebung gab mir jeden Tag neue Energie für meine Arbeit.

Eigentlich brauchte man gar nicht mehr in Urlaub zu fahren – das Leben auf dem Land war schon Urlaub genug.

Für Bubi konnte das Leben nicht besser sein: die Arbeit, die Familie, das Haus, die Natur – alles fügte sich harmonisch zusammen.

Das Leben wurde stiller

Ich war rundum zufrieden. Es konnte mir nicht besser gehen. Ich war im Einklang mit mir – und mit allem um mich herum.

Doch alles änderte sich, als die ersten Meldungen über Corona aufkamen.

Das Leben geriet plötzlich in eine Art „Slow Motion“.

Und nicht nur das – es wurden immer mehr Fälle schwerer Erkrankungen gemeldet, auch Todesfälle.

Und schließlich blieb auch ich nicht verschont.

Eines Tages begann ich Blut zu husten und begab mich ins Krankenhaus.

Dort wurde ich gut aufgenommen und umfassend untersucht.

Dabei stellte man fest, dass ich einen Herzfehler hatte.

In meiner Lunge sammelte sich Wasser.

Wenige Wochen später kam eine weitere Diagnose hinzu:

Ich hatte Blut im Urin – die Untersuchung ergab Prostatakrebs.

Alles das – innerhalb nur eines Jahres.

Die Künstliche Intelligenz

Während meiner Erkrankung mussten meine Studienarbeiten natürlich ruhen. Als ich schließlich wieder an den Schreibtisch zurückkehrte, wollte ich wissen, in welchem Maße sich die „Künstliche Intelligenz“ auf mein Studienangebot ausgewirkt hatte. Ich führte einen kleinen Test durch – und das Ergebnis war eindeutig: Die KI konnte meine Arbeit vollständig ersetzen.

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